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Wie ein Hund

Es ist Freitag, Hans und der Chef sind schon seit 4 Uhr unterwegs um einen Leichnam aus Hamburg zu Überführen. Mein Tag wurde vorab schon durchgeplant.

Von 8 bis 12 Uhr soll ich in der Werkstatt Särge vorbereiten und Leute Einsargen. Ich bekomme eine Liste aus der sich ergibt wer welchen Sarg mit welcher Ausstattung bekommt und dazu 4 riesige Plastiktüten voll Kleidung. Alleine habe ich das noch nie gemacht, aber wie schwer kann das sein.

Als ich den ersten Sarg Modell “Palmwedel” mit Papierschnipseln ausgelegt hatte und der Stoff mit samt Kissen und Decke fertig war kommt der DHL-Mann zur Werkstatt Türe rein und drückt mir ein Paket in die Hand “Einmal Express”.

Als ich es öffne finde ich darin die Aschekapsel von Herrn Neumann. Ich gebe Frau Kiesling Bescheid und sie freut sich über die Zustellung und sagt mir dass ich den Mann, bzw. das was von ihm übrig ist, heute Nachmittag auf dem Waldfriedhof beisetzen soll, ohne Pfarrer, ohne alles. Als ich das höre schlägt mir das Herz bis zum Hals. Sie beruhigt mich und erklärt mir, dass bei einer anonymen Beisetzung niemand anwesend sein darf. Es gibt also keine Angehörigen, keine Reden und weil Herr Neumann aus der Kirche ausgetreten war auch keinen Geistlichen.

Halbwegs beruhigt gehe ich zurück in die Werkstatt um die erste Kandidatin zur letzten Ruhe zu betten. Eine Frau Mitte 50, als ich sie aus dem Kühlraum zum Sektionsraum rolle fällt mir etwas auf. Ich sehe die Zettel durch und bemerke ein “OA” darauf. “Offene Aufbahrung” heißt das und das ist so ziemlich das übelste das mir jetzt passieren kann denn ihr Mund steht weit offen und damit habe ich die nächste Premiere – eine Ligatur, alleine in einem kühlen Sektionsraum. Schönen Dank auch Chef.

Bisher habe ich dabei nur zugesehen und mir das Ganze erklären lassen – machen soll ich es wohl trotzdem alleine. Ich kleide den Leichnam um und lege mir Nadel und Faden zurecht. >Wie war das nochmal?< “Man sticht unter der Oberlippe durch bis man in einer Nasenöffnungen raus kommt, direkt daneben wieder nach unten zur anderen Seite der Innenseite der Oberlippe und geht dann an der Unterlippe durch den Kiefer.” So (oder so ähnlich) hat der Chef mir das gezeigt.

“Aber nicht zu nahe zusammen, dann sieht es aus als würde der blöd grinsen und bloß nicht zu weit auseinander, dann kriegen die so Hasenzähne”, super Anleitung.

Zur Sicherheit hole ich mir bevor ich anfange den Personalausweis der Verstorbenen aus dem Büro und lege schließlich los.

Es ist ein komisches Gefühl die Nadel zu führen und Frau Wagners Körper macht wenn ich ihren Kopf zurecht rücke Geräusche als würde sie Würgen. Ich fühle mich als stünde ich neben mir und denke “was zum Teufel tust du da?”.

Schließlich kriege ich das trotz zittriger Hände aber ganz gut hin. Ich bin stolz auf mich, erstaunt und erschrocken zugleich dass ich wirklich mal eben einem Toten Menschen den Mund zunähen kann – ich hoffe nur mich hat niemand beobachtet da ich mich bei der verblichenen Frau Wagner während der Prozedur wohl einige Male entschuldigt habe.

Die anderen drei Kandidaten sind unproblematisch und so gehe ich in die Mittagspause. Hunger habe ich heute allerdings nicht, nicht mal Kraut würde ich runter kriegen und so bleibt es beim in Bayern obligatorischen Mittagsbier.

Zurück in der Firma kriege ich den Auftrag den Waldfriedhof “bis Feierabend” zu reinigen ohne die – durchaus vorhandene – Kehrmaschine zu benutzen versteht sich. Und natürlich Herrn Neumann bei zu setzen. Genaue Anweisungen dazu bekomme ich nicht, nur eine Karte auf der ein Feld für anonyme Gräber auf dem Friedhof eingezeichnet ist “irgendwo da in der Wiese” soll ich ihn vergraben und dann Unterschreiben dass ich das auch getan habe.

Eine Überurne bekommt Herr Neumann bei seiner Beisetzung ebenso wenig wie irgend eine Form von Familiärer Atmosphäre. Ich schnappe mir also den Volvo und fahre zum Friedhof, dort angekommen analysiere ich während einer Zigarettenpause erst einmal die Karte und den Standort des künftigen Grabes.

Schließlich finde ich ein paar Meter neben einer Buche einen Platz der mir persönlich gefallen würde und fange an zu Graben. Nach 10 Minuten stoße ich allerdings auf eine alte Urne. Scheissdreck, ich versuche es zwei Meter weiter noch einmal und nach weiteren 10 Minuten finde ich… noch eine alte Urne. Mist. Bevor ich nun noch weiter Leute ausgrabe erweitere ich den Platz neben der zweiten Urne – “Gertrud” kann ich auf der verwitterten Aschekapsel gerade noch entziffern – so ist Herr Neumann wenigstens nicht alleine und selbst Frauen dürften in dem Zustand niemanden mehr verrückt machen.

Als ich das Gräbchen so weit habe mache ich mir bei einer Zigarette Gedanken über die Beisetzung. Es ist seelenruhig, außer mir ist weit und breit keiner zu sehen.

Schließlich nehme ich doch die Urne und trage sie, langsam aber ohne Glockengeläut zu ihrem kleinen Grab. Niemand weint, niemand singt, niemand betet. Es ist einfach totenstill als ich das schwarze Gefäß langsam in die Erde hinab setze.

Ich würde mir sonst blöd vorkommen, doch in dieser Situation spreche selbst ich ein “Vater unser” und lasse das Grab einen Moment in Ruhe bevor ich es schließe.

Und doch, es bleibt ein Beigeschmack und eine Menge Fragen als ich das Grab schließe.

Trotzdem, ich muss weitermachen. Weil niemand zu sehen ist und ich Schlüssel für die Friedhofs eigenen Garagen habe lasse ich den Kehrbesen stehen und benutze die Aufsitz-Kehrmaschine die dort seit einiger Zeit unbenutzt steht, es scheint niemanden zu stören und nach 30 Minuten Fahren bin ich schon fertig.

Da ich noch eine halbe Stunde Zeit habe und wirklich nicht weiß was ich tun soll wandere ich einmal quer über den Friedhof. Vorbei an alten und neuen Gräbern, hier und da kommt ein Besucher.

Neben dem verwitterten Grab einer jungen Frau lasse ich mich auf einer Bank nieder und frage mich wie viele Menschen dort unten auf der Wiese wohl begraben liegen mögen. Wie viele waren zu Arm für ein “normales” Grab? Wie viele hatten keine Freunde, keine Familie, nichts außer sich selbst? Und was ist mit dieser Gesellschaft los, dass wir unsere Arbeiter – die fleißigsten der Gesellschaft – derart unwürdig begraben?

Als ich den Friedhof verlasse um in den Feierabend zu fahren steht die Sonne tief rot über dem eisernen Tor mit dem großen Kreuz in der Mitte.

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Das Chamäleon

  1. der Realist

    War ja lange Ruhe im … P…, äh , Dom. Januar 16 bis Januar 17, das macht nachdenklich. Scheinst ein echter Pechvogel zu sein, nur die beschissenen Unternehmen zu erwischen. Dein Wunsch nach einem Bier spricht für sich und sei erfüllt …

    • Mhm?

      Ich hoffe du hast nichts auf die Adresse die noch gestern im Footer war gesendet. Hatte nämlich das Passwort verlegt und sie vorhin ausgetauscht.

      Dazu kommt dass Transaktionen momentan offenbar nicht besonders schnell bestätigt werden. Man munkelt das liegt an panischen chinesischen Investoren.

  2. Hi,
    ich kann mich an vieles von der Trauerfeier der letzten Beerdigung nicht mehr erinnern, nur an das Wetter. Waren unglaublich viele Menschen da. Von einem Steinmetz hatten meine Kollegen das Denkmal.

    • Netter Versuch. Habe mir mal erlaubt den Steinmetz zu Ändern. Das nächste mal: fragt gefälligst oder macht eure Werbung woanders. 🙂

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