Es ist mein zweiter Arbeitstag, nachdem ich widerwillig aus meinem warmen Bett gekrochen bin stehe ich um zehn vor acht im Büro.

Außer mir und Frau Kiesling ist bisher niemand da, so ein Dreck – ich dachte die Besprechung am Morgen dauert länger. Da Grabmachen ansteht und ich mich noch Umziehen muss habe ich wenigstens einen Grund mich zu Verkrümeln. Nachdem das erledigt ist standen auch schon alle im Büro und waren wieder fleißig am Witzeln über Frau Tot.

Das muss wohl schon ein paar Tage so gehen, denn Frau Kiesling ändert ihre Tonlage und erklärt, dass sie das Wort „tot“ heute nicht mehr hören will. In der nächsten Sekunde klingelt das Telefon und ihre Stimmlage ändert sich von passiv-aggressiv zu einem zuckersüßen „Bestattungsinstitut Grabowoski, Kiesling“, tja das war wohl nichts mit dem Wort..

Der Chef und Hans machen, kaum hörbar, weiter Witze und man sieht Frau Kiesling an, dass sie sich zusammen reißen muss um nicht lauthals in den Telefonhörer zu Lachen. Eine ziemlich miese Nummer, sie bleibt aber erstaunlich professionell. In ein paar Stunden muss das Grab fertig sein und so mache ich mich zusammen mit Hans auf den Weg zum Laster.

Angekommen am Friedhof in Heidendorf weiß ich schon was ich zu tun habe – da ich den kleinen Friedhosbagger leider noch nicht fahren darf – bin ich der Arsch der den Ganzen Kram zur zukünftigen Ruhestätte von Frau Meinert trägt und die Schalungen ins Grab macht.

Bei -2 Grad schwitze ich nach 3 Stunden wie ein Schwein.

Zum Glück ist jetzt erst mal Mittagspause.

Nach der Pause fahre ich mit Hans und der alten Meinert im Leichenwagen zum Friedhof, da viele Leute kommen nehmen wir wieder den neuen Mercedes mit dem tollen Radio das ich nicht Einschalten darf. Der Chef fährt mit dem Laster und parkt ihn mehr oder weniger diskret hinter der Friedhofsmauer.

Anschließend bringen wir den Sarg in die Leichenhalle neben der Friedhofskirche. Danach warten wir auf die Trauergemeinde die sich noch in der Dorfkirche befindet und ich bekomme meinen Einsatzbefehl. Diesmal ist es nicht der Lautsprecher, sondern der CD-Player den ich Bedienen soll. Alle Erklären mir ganz genau „Sie warten in der Kirche auf der Empore und wenn die Friedhofsglocke Läutet schalten Sie den CD-Player ein und spielen Lied 1. Lassen Sie das Lied laufen bis der Pfarrer Ihnen zunickt, danach schalten Sie den Player ab, wenn die Leute die Kirche verlassen haben, laufen Sie mit dem Player zum Grab und Spielen dort Lied 2.“

Das klingt nach der perfekten Einweisung, als Nebenberuflicher Programmierer setze ich das auch genau so um.

Während ich also auf der Empore warte und durch die milchigen Fenster die einlaufende Trauergemeinde beobachte wird die Glocke geläutet. Ich starte den Player und in der ganzen Kirche dröhnt laut „Candle in the wind“ von Elton John. Man hört es bis draußen und während ich durchs Fenster beobachte wie sich ein Altweiberchor (wie nennt man so was eigentlich?) aufbaut frage ich mich ob das jetzt richtig war.

Als ich sehe wie Herr Grabowoski in Richtung Kirche sprintet wird mir klar, dass das so wohl nicht gedacht war und ich schalte den Player ab.

Draußen fängt jetzt der Chor an zu singen, als sie fertig sind Läutet die Glocke erneut, ich schalte Elton John wieder an und diesmal scheints der Richtige Zeitpunkt zu sein.

Der Pfarrer mit samt Trauerzug und Sargträgern läuft in die Kirche und stellt sich neben den Altar, kein einziger hat sich gesetzt als mir der Pfarrer zu nickt und ich, streng gemäß meiner Anweisungen, den Player abschalte. Er fängt sofort an mir wild zu Gestikulieren dass das Lied weiter laufen soll… der CD-Player braucht dafür aber eine ganze Weile und ich würde am Liebsten vor Scham im Boden versinken.

Schönen Dank Herr Grabowoski, sie hätten dem Typen ruhig sagen können dass ich das Lied stoppe wenn er mir auffällig zunickt…

Die Trauerfeier verläuft normal und ehe ich mich versehe stehe ich am Grab und spiele „The End“ von Groove Coverage. Ob eine 82-jährige das bei Ihrer Beisetzung hören wollte? Keine Ahnung, klingt aber nicht so schlecht.

Als Frau Meinert in ihrem kalten Grab liegt und die Trauergäste weg sind schließe ich zusammen mit Hans das Grab und lege die zahllosen Kränze und Blumen auf.

Wusstet ihr, dass die Schleifen immer noch vorne zeigen sollen? Ich nicht und deshalb darf ich das Ganze nochmal machen.

Um 17 Uhr kommen wir wieder ins Institut und total fertig von der Schaufelei freue ich mich auf den wohl verdienten Feierabend. Dort angekommen erfahren wir leider dass Herr Schmidt im lokalen Altenheim „St. Anna“ beschlossen hat heute zu Sterben. Da er die paar Stunden bis „Geschäftsschluss“ wohl nicht mehr abwarten wollte ziehe ich mich um und fahre mit Hans im klapprigen alten Volvo zum Altenheim. Als wir dann die Leichentrage durch die Gänge schieben bemerkt Hans „merk dir den Weg, hier sterben viele“, dass uns dabei Bewohner zuhören ist ihm egal.

Als wir uns bei den Pflegerinnen durchgefragt haben und die Todesbescheinigung geprüft haben holen wir Herrn Schmidt aus seinem „Bewohnerzimmer“ und packen ihn recht schnell auf die Trage. Reißverschluss zu und ehe ich mich versehe sind wir wieder im Institut.

Hans meint er hat keine Lust mehr den jetzt auf einen Tisch zu legen, also stellen wir die Trage so wie Sie ist im Kühlraum ab und machen Feierabend.