Montag, 7:55 Uhr, -8 Grad. Am Freitag hatte Herr Schmidt den Kühlraum für sich alleine und so habe ich mich auf einen entspannten Tagesablauf – möglichst drinnen – gefreut.

Als ich reinkomme bittet der Chef Frau Weiherhofer mal den Kühlraum zu Reinigen „ist auch nur einer drin“. Wie ich erfahre macht sie das wohl nur wenn der Raum möglichst leer ist. Sie sieht den Chef skeptisch an und geht. Als sie 2 Minuten später wieder ins Büro kommt sagt sie mit gelangweilter Miene „warum falle ich eigentlich immer noch drauf rein?“ und verschwindet wortlos in der Küche.

Warum sie so reagiert interessiert mich und bei der nächsten Gelegenheit werfe ich einen Blick in den Kühlraum. Er ist randvoll, 5 Sektionstische, alle voll, ein Leichnam liegt auf einem Brett weil kein Tisch mehr frei war und zwei Särge fürs Krematorium sind aufeinander gestapelt.

Wahnsinn, ich Frage wo Chefchen und Hans übers Wochenende 7 Leichen heraus gezerrt haben.

„Krankenhaus, Krankenhaus, Krankenhaus, Palliativstation, Hausabholung, Altenheim, Altenheim.“

Der Chef bemerkt „ist aber nicht so schlimm, die gehen alle bis auf zwei Übermorgen ins Krematorium“.

Was zum? Haben die Leute am Wochenende nichts besseres zu tun als zu sterben?

Da die meisten übermorgen „raus gehen“ fällt mir die Aufgabe zu, zu Beurkunden. Ich bekomme also von Frau Kiesling eine Liste mit Landratsämtern und Polizeistationen, dazu noch ein Bündel 100 Euro Scheine und alle nötigen Papiere.

„Sie fahren zum jeweiligen Landratsamt, holen sich eine Todesbescheinigung, danach fahren Sie mit der Todesbescheinigung zur Polizei und lassen sich die Unbedenklichkeit für die Feuerbestattung bescheinigen.“

Da gerade kein anderer Wagen frei ist nehme ich den klapprigen Volvo-Leichenwagen und fahre direkt los nach Regensburg. Die alte Kiste fährt sich recht komfortabel, solange man nicht rückwärts Einparken muss ist alles gut. Als ich 2 km vom Institut entfernt bin freue ich mich auf eine längere Autofahrt und schalte endlich mal das Radio an.. leider kommt nur Rauschen und die einzige Kassette die in der Ablage des Wagens liegt trägt die Aufschrift „english for beginners“. Mist…

Bei mir denke ich das ist besser als keine Unterhaltung und stecke die Kassette ins Kassettendeck des Blaupunktradios wo sie sich sofort verklemmt. So eine Scheiße!

Etwa eine halbe Stunde später fahre ich auf einen Parkplatz um zu Rauchen und vielleicht die Kassette irgendwie wieder aus dem Radio zu kriegen. Ich zünde mir also meine Zigarette an und überlege wie ich die Kassette da raus kriege, als mir einfällt, dass irgendwo im Seitenteil des Autos ein Versorgungskoffer mit Skalpell sein müsste.

Ich öffne also die Seitentüren und durchsuche den Koffer, als ich endlich das Skalpell gefunden habe und mich umdrehe stehen dort 2 LKW Fahrer und eine Familie aus Holland die mir interessiert zusehen wie ich rauchend im Leichenwagen nach irgendwas suche. Für einen Außenstehenden muss das gerade ziemlich grotesk aussehen.

Unbeirrt werfe ich die Kippe weg und gehe mit dem Skalpell zum Radio. Nach ein paar Minuten bekomme ich die Kassette unbeschadet aus dem Radio und setze meine Fahrt fort.

Beim Landratsamt Regensburg angekommen klopfe ich an die Türe und trete ein, drin sitzen 3 Leute, einer liest gerade Zeitung, ein anderer ruft sein Facebook-Profil ab und der Dritte sitzt einfach nur gelangweilt da… ja, das muss es sein. Nach einer gefühlten Stunde und 175,20 Euro habe ich die ersten drei Bescheinigungen und mache mich auf zur Polizeidienststelle. Die Beamten dort sind zwar unfreundlich, aber arbeiten wenigstens schneller als die beim Landratsamt und so bin ich bald auf dem Weg zur nächsten Station.

Es läuft überall ähnlich ab und nach 423 km ohne Pause komme ich wieder im Institut an, die meisten Leute im Kühlraum wurden eingesargt und stehen im billigsten Sargmodell, aufeinander gestapelt, zur Abholung bereit.

Allerdings sind auch schon wieder zwei neue dazu gekommen. Ich bin ja mal gespannt was die nächsten Tage so kommt – denn ich habe für heute zum Glück Feierabend.