Es regnet mal wieder als ich und Hans kurz nach halb neun die Auffahrt des lokalen Krankenhauses verlassen. Den Weg werden wir heute noch 3mal Fahren, zunächst geht’s aber dank Zeitmangel mit samt der Überreste von Frau Kitz zum Stadtfriedhof wo wir eine Urnenbeisetzung für den Nachmittag vorbereiten.

Hastig richten wir die Lied-tafeln in der Kirche zurecht, bauen Blumengestecke, Kerzen und Dekoration auf.

Danach buddeln wir noch kurz das winzige Urnengrab, zu zweit mit Abwechseln schaffen wir die 60 cm in unter 10 Minuten. Während Hans mit der Schubkarre gen Lagerplatz sprintet lege ich eilig noch einige Zweigchen die ich mir von einer Tanne auf dem Friedhofsgelände leihe um das Erdloch.

Zum Umziehen war keine Zeit, also rasen wir verdreckt mit dem alten Volvo zurück zum Institut. Ausladen, Papiere abgeben und direkt wieder zum Krankenhaus. Als wir den letzten Kandidaten “nach hause” gebracht haben ist endlich Mittag und ich erfahre, dass ich heute keine weitere Hilfe bei der Urnenbeisetzung bekomme – das Vertrauen (oder die Verzweiflung) von Herrn Grabowoski ist Grenzenlos.

Pause – Schuhe Putzen, verdreckte Kleidung wechseln und etwas Sauerkraut (man kann wirklich nie genug Kraut essen!).

Zurück im Institut bekomme ich die Ledermappe mit allem was die Hinterbliebenen von Frau Bitterbrecht so bekommen. Da beide Leichenwagen unterwegs sind wickle ich die Aschekapsel dezent in meine Jacke und mache mich in meinem Privatauto auf zum Friedhof – ich hätte zwar das Auto vom Chef bekommen aber der rastet sicher aus wenn sein neuer 7er dabei Kratzer abkriegt.

Angekommen habe ich noch etwa eine Stunde Zeit, ich baue also die Urne in der Kirche auf, lege die Schnur zum Absenken exakt in die Überurne ein und setze mich in den Aufenthaltsraum neben der Leichenhalle am Friedhofseingang. Es ist schön ruhig als ich gedanklich den Ablauf noch einmal durchgehe und auf den Geistlichen warte.

Die Ruhe wird vom lauten Knall der Eingangstür unterbrochen, als ich nachsehe steht da eine zierliche Blondine mitte 30 mit knallroten Augen, schlaksigen Klamotten und einem Rucksack. Den Look mag ich, aber naiv wie ich bin dachte ich dass sie sich nach ‘nem Blunt auf dem Friedhof verlaufen hat und sage ihr höflich dass hier nur Mitarbeiter Zutritt haben.

“Du musst vom Bestattungsinstitut sein, ich bin die Vertretung für den Pfarrer”. Ich starre sie an wie ein Erdmännchen, unfähig zu Blinzeln. Was machen die eigentlich mit der ganzen Kirchensteuer? Koks? Nutten? Beim Personalbüro scheint auf jeden Fall nichts an zu kommen.

Ich begrüße sie und weil sie darum bittet zeige ich ihr den improvisierten Umkleideraum in dem irgend eine Sekte, Jesuiten oder so, hin und wieder Gesangsproben abhalten.

Sie verkrümelt sich darin mit dem Versprechen bald fertig zu sein, das wäre auch besser denn es bleiben nur noch knapp 25 Minuten bis zum Beginn der Trauerfeier und ich habe wirklich keine Idee wie ich das alleine hinkriegen soll.

Als sie nach 10 Minuten noch immer nicht zurück ist und ich Panik bekomme klopfe ich kurz an die Tür und trete etwas über eilig in den Raum – direkt hinter der Tür steht die Vertretung, halb nackt. Sie sieht sie mich fragend an “Ja?” – “Ähm also es ist schon etwas spät… ” ich senke den Kopf und verlasse den Raum diskret Richtung Aufenthaltsraum. Während ich beschämt meine Runden drehe und zwischen Verspätung und einer weiteren Peinlichkeit hadere stellen sich mir einige Fragen: a) War das gerade die selbe Person? b) Warum um Himmels Willen macht man Anzughosen aus so dünnem Stoff? c) Wie soll ich denn in diesem Zustand die Überreste von Frau Bitterbrecht zu grabe tragen?

>Komm schon denk an was anderes… Tot, Verwesung, Kontostand, GEZ-Gebühren<  Gott sei Dank, es funktioniert.

Plötzlich tippt mir von hinten jemand auf die Schulter und ich zucke zusammen “Ist bei dir alles okay?” Juhu, sie ist fertig. Mehr noch: sie sieht jetzt aus wie das Musterbeispiel einer Geistlichen, nur noch dezent geschminkt, im schwarzen Talar, die Sneaker sind auch weg, eine abgegriffene Bibel in der Hand.

Wie machen Frauen das? Könnte ich in ein paar Minuten eine solche Metamorphose durchlaufen wäre ich Bankräuber geworden.

Wir laufen zur Kirche und keine 5 Minuten später sind alle Trauergäste, insgesamt 7, in der Kirche. Die Frau die ich vor ein paar Minuten noch für eine bekiffte BWL-Studentin gehalten habe legt los und hält eine Trauerrede die ihres gleichen sucht. Ich für meinen Teil mache bei meiner ersten “eigenen” Urnenbestattung jede Menge Fehler. Dank meiner bezaubernden göttlichen Aushilfe und einem fast völlig erblindeten Witwer fällt das aber nicht weiter auf. Am Ende bekomme ich sogar 20 Euro Trinkgeld für den miesen Auftritt.

Als die Show vorbei ist und ich mich Umziehe um das kleine Grab zu Schließen und die Blumen auf zu legen geht die Verwandlung wieder los. Ich bin längst fertig und warte kurz um mich zu Verabschieden als das kleine blonde Chamäleon wieder aus seiner Umkleide kommt. Jetzt in Trainingsklamotten mit Pferdeschwanz und bevor ich irgendetwas sagen kann verabschiedet sie sich mit den Worten “Na war doch gar nicht so übel, aber ein bissl Üben musst du noch”.

Während ich das Grab schließe und mich auf den Feierabend freue frage ich mich ob ich sie wieder sehen werde.