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Der erste Tag

An einem kalten Frühlings morgen begann mein offizieller Job beim Bestatter. Pünktlich um fünf vor 8, in neuen Klamotten, und diesmal ohne vorher zu Rauchen stehe ich im Büro.

Die tägliche Besprechung war wohl schon vorbei und nach 5 Minuten und einigen Witzen die ich nicht verstanden habe ging die Arbeit los. Ich folge Hans direkt in den Sektionsraum, wo der erste Sarg schon fertig ausgestattet bereit steht und der Leichnam einer korpulenten Frau Anfang/Mitte 50 darauf wartet eingesargt zu werden. Der Chef muss „Beurkunden“, was auch immer das sein mag.

Beim Ankleiden der Frau kann ich den Zettel an Ihrem großen Zeh lesen und verstehe jetzt endlich die Witze die vorhin im Büro zu hören waren. „Tot, Hanna“ steht über dem Geburtsdatum.

Der Körper macht einen aufgedunsenen Eindruck und ist übersät von Leichenflecken, als Laie schließe ich daraus dass Frau Tot ihrem Namensvetter wohl schon vor einigen Tagen begegnet sein muss.

Hans weist mich deshalb an vorsichtig zu sein, da sich ein Leichnam in diesem Zustand wohl leicht übergeben kann „wir müssen da bei der Beerdigung unbedingt nochmal nachsehen, der Sarg soll geöffnet werden, manchmal kotzen die auch beim Transport“. Nach 10 Minuten liegt die gute Frau in Ihrem Eichensarg und wir laden Sie vorsichtig in den Mercedes.

Was folgt kannte ich bereits vom Probearbeitstag, wir bereiten drei weitere Särge vor und sargen 3 Kandidaten ein.

Diesmal muss das Ganze laut Hans nicht 100% perfekt aussehen, denn die Särge werden alle samt am Nachmittag abgeholt und ins Krematorium gebracht wo sie sowieso wieder aufgemacht und die Leichen begutachtet werden.

10 vor 12 sind wir mit der Einsargerei fertig und gönnen uns vor der Mittagspause ein bisschen Ruhe im Aufenthaltsraum. Als der Chef kam gingen wir direkt in die Pause, Nachmittags werden wir Frau Tot auf ihrem „Heimatfriedhof“ beisetzen. Das Grab hat der Chef wohl gestern Nachmittag schon ausgehoben.

Nachdem ich zuhaue gegessen hatte komme ich Pünktlich um 13 Uhr wieder in die Firma.

Gleich kommt meine erste Beerdigung, ich bin tierisch aufgeregt und niemand hat mich über den Ablauf von so etwas informiert.

Als ich mich zusammen mit Hans im Leichenwagen auf den Weg mache frage ich nach dem Radio, leider bemerkt Hans, dass er nur klassische Musik hört und ich ihm mit so einem Scheiß nicht auf den Wecker gehen soll. Scheiße – nicht genug, dass ich Aufgeregt bin weil mir niemand den Ablauf erklärt hat – jetzt sitze ich 30km lang mit dem wortkargen Hans ohne Radio im Wagen.

Nach ¾ der Strecke erklärt Hans mir wenigstens die wichtigsten Details zum Ablauf. Als wir fast da sind Stoppt der Wagen. Nach einigen Sekunden sehe ich Hans fragend an und erfahre, dass wir auf das Läuten der Kirchenglocken warten bevor wir den Leichnam an der Kirche vorbei zum örtlichen Friedhof fahren.

Als die Glocken endlich läuten sehe ich bereits zahlreiche Trauergäste aus der Kirche kommen, sie folgen uns.

Am Friedhof angekommen zerrt eine ältere Dame einen Rollwagen für den Sarg neben den Wagen und wir laden Frau Tot vorsichtig aus. Der Chef trifft ein und fragt nach dem Ehemann der verstorbenen, offenbar hat er ihn nie gesehen, denn erstmal findet er Ihn nicht.

Als Herr Tot eintrifft rollen wir den Sargwagen langsam zur Friedhofskapelle, ich folge Hans und Helfe ihm den Lautsprecher für den Pfarrer auf zu stellen.

Für die Bedienung, sprich das ein und ausschalten während der Trauerfeierlichkeiten, bin heute ich zuständig. „Einfach einschalten, wenn der Pfarrer anfangen will zu reden, keine Ahnung wie man das Mikrofon stumm schaltet“.

Insgeheim freue ich mich, on/off, das kriege ich hin.

Bis es soweit ist wartet Hans am anderen Ende des Friedhofs auf den geistlichen um ihm das Micro zu geben. Ich positioniere mich neben den Trauernden und beobachte aufmerksam was der Chef macht. Er bittet mich beim öffnen des Sarges zu helfen, was ich natürlich tue. Als der Sarg offen ist holt er ein Taschentuch heraus, wischt der Verstorbenen vor den Augen der Angehörigen etwas Erbrochenes aus den Mundwinkeln, lässt das Taschentuch in seiner Anzughose verschwinden und sagt trocken „Jetzt können Se sich verabschieden“.

Macht man das so? Wieder was gelernt.

Danach nötigen die Kinder der Verblichenen ihren etwa 5 jährigen Enkel „leg der Oma doch noch dein Bild in den Sarg“.

Man sieht, dass er Angst hat und nicht will. Er erkennt seine Großmutter nicht wieder. Als der Kleine das Bild dann endlich in den Sarg wirft und ängstlich das Weite sucht fehlen mir die Worte – im gleichen Moment trifft am anderen Ende des Friedhofs der Pfarrer samt 100 Mann starkem Trauerzug ein und ich verkrümle mich dezent in Richtung Lautsprecher.

Als der Trauerzug sich vor der kleinen Kapelle versammelt hatte und der Pfarrer seine Rede beginnen wollte schalte ich den Lautsprecher an.

Er redet einige Takte als ein lautes Rauschen den Lautsprecherempfang stört, ich schrecke blitzartig zurück und das Rauschen hört auf – vermutlich hätte ich mein Handy aus und nicht auf stumm schalten sollen – leider ist es zu spät, bei jeder Bewegung die ich mache Rauscht der Lautsprecher ganz fürchterlich und alle Trauergäste sehen mich mit ernstem Blick an.

Vielen Dank IPhone. -.-

Der Rest der Feier verläuft gut, ich bediene den Lautsprecher trotz Rauschen weiter und als der Sarg abgesenkt war werde ich von Hans zurück zum Wagen mitgenommen. Der Chef bleibt vor Ort.

Um 16 Uhr sind wir zurück im Institut und ich habe Feierabend, Hans fährt mit dem Laster zurück zum Friedhof und füllt zusammen mit dem Chef das Grab wieder ein.

Die Warterei bringt mich um

Zwei Tage habe ich nun auf den versprochenen Anruf gewartet.

Das Geld ist knapp und wegen dem Versprechen des Chefs habe ich in den letzten beiden Tagen zwei Stellen bei Zeitarbeitsfirmen abgelehnt. Außerdem überprüfte ich hin und wieder den technischen Zustand des Telefons – man weiß ja nie.

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Am späten Abend hat es dann doch geklingelt. Es ist Herr Grabowoski der mich zu einem Weiteren Gespräch am nächsten Morgen einlädt. Ein zweites Gespräch? Wie jetzt?

Am nächsten Morgen, nach dem täglichen Versuch meine waschbärenartigen Augenringe ab zu waschen, fahre ich zum Institut. Zum Glück sollte es nur noch um die Bezahlung gehen und nach 20 Minuten ist auch schon alles geklärt. Der Chef versicherte mir, dass es nur noch einige Tage dauert bis ich mit der Arbeit anfangen kann.

Ha! Ein neuer Job, ausnahmsweise sogar einer den ich wirklich haben wollte. Fehlt nur noch passende Arbeitskleidung.

Der Probearbeitstag

Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk stehe ich um 8:00 Uhr vorm Institut und drücke die Klingel. Etwas mulmig ist mir ja schon, passen meine Klamotten? Was erwartet mich? Ob wohl gerade eine Leiche auf “Lager” ist? Wer sind meine Kollegen? Und was zum Teufel tue ich hier eigentlich?

Noch bevor ich meine Gedankenspiele weiterspinnen kann fängt der Türöffner an zu Summen, ich gehe rein und stelle mich im Büro vor. Dort warten schon alle Mitarbeiter auf den Arbeitsbeginn. Inkl. der Reinigungskraft und meiner Wenigkeit sind stehen wir nun zu fünft im Büro und ich werde vorgestellt:

Erstmal gab es da natürlich den Chef. Herr Grabowoski ist ein mittvierziger mit Halbglatze und Bierbauch, einzig sein sächsischer Akzent ist hier im tiefsten Bayern “etwas“ gewöhnungsbedürftig. Seinen tiefschwarzen Humor kannte ich zu dieser Zeit noch nicht.

Dann war da noch Hans Kupfer, der Kollege mit dem ich in den kommenden Monaten am meisten arbeiten werde. Er ist ein eher kleiner Mann mit grauem Haar, der sehr gläubig aufwuchs und mit 65 aufgrund einer zu geringen Rente auf den Job angewiesen ist. Wie ich später erfuhr arbeitet Hans auch erst seit etwa einem Jahr im Bestattungsgewerbe.

Zuständig fürs Büro und die meisten Beratungsgespräche mit Angehörigen ist Frau Kiesling. Eine eher füllige Frau Mitte vierzig die auf mich zwar den Eindruck eines Snobs macht mir aber aus irgend einem Grund freundlich gesinnt ist. Wie sich später herausstellen sollte liegt das wohl hauptsächlich an ihrer Abneigung meinem Vorgänger gegenüber.

Als letztes gibt es noch Frau Weiherhofer, sie ist für die Reinigung des Instituts zuständig und macht gleichzeitig das Catering für die Trauerfeiern. Ihr Alter ist fortgeschritten und schwierig zu schätzen, da man Damen nicht danach fragt werde ich es nie erfahren. Besonders sympathisch macht Sie, dass man sie gelegentlich bei dem ein oder anderen lautstarken Monolog erwischt, endlich mal jemand der auch mit sich selbst redet!

 

Die Vorstellung dauert nicht lange, zwar hatte ich auf wenigstens einen Mitarbeiter in meinem Alter gehofft aber man kann eben nicht alles haben. Nach 5 Minuten geht’s los. Ich lerne zuerst wie ein Sarg vorbereitet wird.

Während ich Hans dabei helfe habe ich ständig einen leichten, unbeschreiblichen und mir bis dahin völlig unbekannten Geruch in der Nase. Nach eingehender Recherchen und Fernsehreportagen war mir das Vorgehen bei der Sargausstattung schon mehr oder weniger bekannt. Ein paar Papierschnipsel hier, ein bisschen Tackern dort und fertig ist die Sargeinrichtung.

Und was macht man mit einem fertigen Sarg? Ach ja. Scheiße. Da war ja noch was mit Leichen…

Als der Chef die Tür zum Sektionsraum öffnet und Hans und er den Leichnam eines älteren Mannes aus dem Kühlraum rollen wird mir klar woher der Geruch kommt. Der Chef verschwindet und ich soll mit Hans den Leichnam umkleiden.

Erneut schießen mir etliche Gedanken durch den Kopf, zuerst wollte ich die Flucht ergreifen, andererseits will ich jetzt unbedingt wissen ob der Mann wirklich tot ist, ob Leichen wirklich kalt und steif sind und wies jetzt mit ihm weitergeht. Nach einer Sekunde zögern hole ich mir auch Handschuhe, da Hans genauso wortkarg ist wie ich mache ich einfach was er macht.

Er fragt lediglich ob ich das schon mal gemacht habe und wie man sich dabei so fühlt, ich verneine und sage ihm dass es etwas komisch ist. Hans nickt “klar ist das komisch, der ist tot”.

Nach etwa 10 Minuten ist der Mann umgezogen. Gewaschen wurde er nicht, weil mir das aber gerade sehr entgegenkommt frage ich erst gar nicht danach. Der Tote muss nun noch in den Sarg gelegt werden, bisher dachte ich dass man die sterblichen Überreste sanft in den Sarg legt – so wie man es überall im Fernsehen sieht – Hans belehrt mich da eines besseren.

Wir stellen den vorbereiteten Sarg direkt neben den Sektionstisch, die Sargoberkante liegt ziemlich genau auf einer Höhe mit der Tischkante, „Ich nehm den Oberkörper und du packst ihn an den Beinen, bei drei ziehen wir ihn rüber“.

Nach einem kurzen Ruck und einem mehr oder weniger lauten Knall liegt der Leichnam in seinem Sarg. Wir kämmen den Mann noch kurz, schlagen seine Hände ineinander und legen ein Handkreuz dazu. Anschließend verschrauben wir den Sarg, rollen ihn zum Auto und laden ihn ein.

Im Anschluss machen wir den nächsten Sarg fertig, insgesamt werden wir an meinem ersten Tag dort 4 Verstorbene Ankleiden und Einsargen. Ein bisschen wie am Fließband, nur interessanter.

Danach ist erst mal Mittagspause, Hans verabschiedet sich und auch ich fahre nach Hause. Auf der Fahrt geht mir einiges durch den Kopf. Zuhause habe ich noch immer den Leichengeruch in der Nase was mir irgendwie den Appetit verdorben hat.

Nach der Pause als der Chef wieder kommt trinken er und Hans noch einen Kurzen im Aufenthaltsraum. Langsam gefällt mir der Job, leider wird mir kein Schnaps angeboten.

Gleich danach geht’s zum lokalen Friedhof zum „Grab machen“ bisher wusste ich nicht wie das geht, ich darf am Probearbeitstag wohl auch nicht so helfen und soll mir das erst mal näher anschauen.

Zwei Stunden später ist das Grab fertig, es ist eiskalt und der Chef und Hans schwitzen. Es ist ein Standardgrab geworden – also nur etwa 135 cm tief – wieder etwas gelernt. Will man wirklich auf 180 cm liegen kostet das extra.

Mehr schockiert mich dass nur 20 Minuten nach Fertigstellung schon 30cm Wasser im Grab stehen – die beiden meinen das wäre normal. So bekommt die Redewendung „kaltes, nasses Grab“ eine ganz neue Bedeutung.

Danach werden noch die Obligatorischen Blumenständer und der „Sargversenker“ aufgestellt, alles hübsch gemacht und dann ging es auch schon zurück zum Institut. Für mich war der Probetag hier beendet. Hans verschwindet im wohl verdienten Feierabend und ich werde vom Chef mit einem Lob und dem Versprechen dass er anruft verabschiedet.

Als ich im Auto sitze möchte ich kurz durchatmen, will mir aber nichts anmerken lassen und fahre deshalb direkt los. Auf dem Heimweg konzentriere ich mich auf die Straße, meine Gedanken scheinen leer.

Das Vorstellungsgespräch

Lange Zeit tat sich gar nichts und ich war kurz davor wieder eine Stelle bei einer der Zeitarbeitsfirmen die hier seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen an zu nehmen als eines morgens das Telefon klingelte.

„Bestattungsinstitut Grabowoski, Sie haben Sich bei uns beworben Herr Berg.“ – stille – ich musste kurz überlegen „Ja.“

Lange Rede kurzer Sinn, ich vereinbarte mit Herrn Grabowoski einen Termin zu einem Vorstellungsgespräch.

Als ich am nächsten Morgen in dunkler Jeans mit schwarzem Hemd das erste mal in meinem Leben bei einem Bestattungsinstitut klingle kommt mir die Situation surreal vor, vor der Tür wartend frage ich mich noch kurz ob die Idee so cool war – zu spät, die Tür wird geöffnet.

Der Chef begrüßt mich freundlich und bittet mich herein, spricht im gleichen Atemzug aber an dass ich vor der Arbeit nicht rauchen sollte weil die Kunden das riechen könnten.

Er bittet mich im Aufenthaltsraum zu warten und verschwindet für einige Minuten – nach einer gefühlten Stunde kommt er zurück, das Gespräch verläuft gut und wir vereinbaren auch gleich einen Probearbeitstag.

Als ich das Gebäude wieder verlasse und in meinen Wagen steige fällt mir ein Stein vom Herzen, das Gespräch ist besser verlaufen als alle vorherigen Bewerbungsgespräche in meinem Leben und so fahre ich guter Hoffnung nach hause. Morgen ist Probearbeit angesagt.

Die Idee

Bestattungshelfer? Warum eigentlich nicht?

Meine Gründe für die Wahl dieses Jobs waren eher pragmatisch: ich war erwerbslos, habe keine konventionelle Ausbildung und den Wunsch nach zahllosen eintönigen Jobs endlich etwas sinnvolles und abwechslungsreiches zu tun. Ganz nebenbei wird man als Bestattungshelfer in Deutschland wesentlich besser bezahlt als bei den meisten Hilfstätigkeiten.

Letztendlich habe ich mich, so banal das klingen mag, dafür entschieden weil ich in diesem Beruf für mich eine Zukunft gesehen habe.

Also ging’s auf zur Stellenbörse, die meisten Firmen in der Ergebnisliste waren zu weit entfernt oder haben schlicht eine unverschämt niedrige Bezahlung angeboten. Nach 2 Stunden Onlinesuche blieb genau ein Institut übrig, für das ich mich dann gezwungenermaßen entschieden habe.

 

Die Bewerbung

Bei Jobs die mich sehr interessieren versuche ich normalerweise kreativ zu sein und die Bewerbung witzig zu gestalten. Das schien mir in diesem Fall nicht angebracht. Auf gut Glück habe ich also eine 0815 Bewerbung mit der Option einiger Probearbeitstage geschrieben und ohne große Hoffnung abgesendet.

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