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Autor: Michael (Seite 1 von 2)

Wie ein Hund

Es ist Freitag, Hans und der Chef sind schon seit 4 Uhr unterwegs um einen Leichnam aus Hamburg zu Überführen. Mein Tag wurde vorab schon durchgeplant.

Von 8 bis 12 Uhr soll ich in der Werkstatt Särge vorbereiten und Leute Einsargen. Ich bekomme eine Liste aus der sich ergibt wer welchen Sarg mit welcher Ausstattung bekommt und dazu 4 riesige Plastiktüten voll Kleidung. Alleine habe ich das noch nie gemacht, aber wie schwer kann das sein.

Als ich den ersten Sarg Modell “Palmwedel” mit Papierschnipseln ausgelegt hatte und der Stoff mit samt Kissen und Decke fertig war kommt der DHL-Mann zur Werkstatt Türe rein und drückt mir ein Paket in die Hand “Einmal Express”.

Als ich es öffne finde ich darin die Aschekapsel von Herrn Neumann. Ich gebe Frau Kiesling Bescheid und sie freut sich über die Zustellung und sagt mir dass ich den Mann, bzw. das was von ihm übrig ist, heute Nachmittag auf dem Waldfriedhof beisetzen soll, ohne Pfarrer, ohne alles. Als ich das höre schlägt mir das Herz bis zum Hals. Sie beruhigt mich und erklärt mir, dass bei einer anonymen Beisetzung niemand anwesend sein darf. Es gibt also keine Angehörigen, keine Reden und weil Herr Neumann aus der Kirche ausgetreten war auch keinen Geistlichen.

Halbwegs beruhigt gehe ich zurück in die Werkstatt um die erste Kandidatin zur letzten Ruhe zu betten. Eine Frau Mitte 50, als ich sie aus dem Kühlraum zum Sektionsraum rolle fällt mir etwas auf. Ich sehe die Zettel durch und bemerke ein “OA” darauf. “Offene Aufbahrung” heißt das und das ist so ziemlich das übelste das mir jetzt passieren kann denn ihr Mund steht weit offen und damit habe ich die nächste Premiere – eine Ligatur, alleine in einem kühlen Sektionsraum. Schönen Dank auch Chef.

Bisher habe ich dabei nur zugesehen und mir das Ganze erklären lassen – machen soll ich es wohl trotzdem alleine. Ich kleide den Leichnam um und lege mir Nadel und Faden zurecht. >Wie war das nochmal?< “Man sticht unter der Oberlippe durch bis man in einer Nasenöffnungen raus kommt, direkt daneben wieder nach unten zur anderen Seite der Innenseite der Oberlippe und geht dann an der Unterlippe durch den Kiefer.” So (oder so ähnlich) hat der Chef mir das gezeigt.

“Aber nicht zu nahe zusammen, dann sieht es aus als würde der blöd grinsen und bloß nicht zu weit auseinander, dann kriegen die so Hasenzähne”, super Anleitung.

Zur Sicherheit hole ich mir bevor ich anfange den Personalausweis der Verstorbenen aus dem Büro und lege schließlich los.

Es ist ein komisches Gefühl die Nadel zu führen und Frau Wagners Körper macht wenn ich ihren Kopf zurecht rücke Geräusche als würde sie Würgen. Ich fühle mich als stünde ich neben mir und denke “was zum Teufel tust du da?”.

Schließlich kriege ich das trotz zittriger Hände aber ganz gut hin. Ich bin stolz auf mich, erstaunt und erschrocken zugleich dass ich wirklich mal eben einem Toten Menschen den Mund zunähen kann – ich hoffe nur mich hat niemand beobachtet da ich mich bei der verblichenen Frau Wagner während der Prozedur wohl einige Male entschuldigt habe.

Die anderen drei Kandidaten sind unproblematisch und so gehe ich in die Mittagspause. Hunger habe ich heute allerdings nicht, nicht mal Kraut würde ich runter kriegen und so bleibt es beim in Bayern obligatorischen Mittagsbier.

Zurück in der Firma kriege ich den Auftrag den Waldfriedhof “bis Feierabend” zu reinigen ohne die – durchaus vorhandene – Kehrmaschine zu benutzen versteht sich. Und natürlich Herrn Neumann bei zu setzen. Genaue Anweisungen dazu bekomme ich nicht, nur eine Karte auf der ein Feld für anonyme Gräber auf dem Friedhof eingezeichnet ist “irgendwo da in der Wiese” soll ich ihn vergraben und dann Unterschreiben dass ich das auch getan habe.

Eine Überurne bekommt Herr Neumann bei seiner Beisetzung ebenso wenig wie irgend eine Form von Familiärer Atmosphäre. Ich schnappe mir also den Volvo und fahre zum Friedhof, dort angekommen analysiere ich während einer Zigarettenpause erst einmal die Karte und den Standort des künftigen Grabes.

Schließlich finde ich ein paar Meter neben einer Buche einen Platz der mir persönlich gefallen würde und fange an zu Graben. Nach 10 Minuten stoße ich allerdings auf eine alte Urne. Scheissdreck, ich versuche es zwei Meter weiter noch einmal und nach weiteren 10 Minuten finde ich… noch eine alte Urne. Mist. Bevor ich nun noch weiter Leute ausgrabe erweitere ich den Platz neben der zweiten Urne – “Gertrud” kann ich auf der verwitterten Aschekapsel gerade noch entziffern – so ist Herr Neumann wenigstens nicht alleine und selbst Frauen dürften in dem Zustand niemanden mehr verrückt machen.

Als ich das Gräbchen so weit habe mache ich mir bei einer Zigarette Gedanken über die Beisetzung. Es ist seelenruhig, außer mir ist weit und breit keiner zu sehen.

Schließlich nehme ich doch die Urne und trage sie, langsam aber ohne Glockengeläut zu ihrem kleinen Grab. Niemand weint, niemand singt, niemand betet. Es ist einfach totenstill als ich das schwarze Gefäß langsam in die Erde hinab setze.

Ich würde mir sonst blöd vorkommen, doch in dieser Situation spreche selbst ich ein “Vater unser” und lasse das Grab einen Moment in Ruhe bevor ich es schließe.

Und doch, es bleibt ein Beigeschmack und eine Menge Fragen als ich das Grab schließe.

Trotzdem, ich muss weitermachen. Weil niemand zu sehen ist und ich Schlüssel für die Friedhofs eigenen Garagen habe lasse ich den Kehrbesen stehen und benutze die Aufsitz-Kehrmaschine die dort seit einiger Zeit unbenutzt steht, es scheint niemanden zu stören und nach 30 Minuten Fahren bin ich schon fertig.

Da ich noch eine halbe Stunde Zeit habe und wirklich nicht weiß was ich tun soll wandere ich einmal quer über den Friedhof. Vorbei an alten und neuen Gräbern, hier und da kommt ein Besucher.

Neben dem verwitterten Grab einer jungen Frau lasse ich mich auf einer Bank nieder und frage mich wie viele Menschen dort unten auf der Wiese wohl begraben liegen mögen. Wie viele waren zu Arm für ein “normales” Grab? Wie viele hatten keine Freunde, keine Familie, nichts außer sich selbst? Und was ist mit dieser Gesellschaft los, dass wir unsere Arbeiter – die fleißigsten der Gesellschaft – derart unwürdig begraben?

Als ich den Friedhof verlasse um in den Feierabend zu fahren steht die Sonne tief rot über dem eisernen Tor mit dem großen Kreuz in der Mitte.

Das Chamäleon

Es regnet mal wieder als ich und Hans kurz nach halb neun die Auffahrt des lokalen Krankenhauses verlassen. Den Weg werden wir heute noch 3mal Fahren, zunächst geht’s aber dank Zeitmangel mit samt der Überreste von Frau Kitz zum Stadtfriedhof wo wir eine Urnenbeisetzung für den Nachmittag vorbereiten.

Hastig richten wir die Lied-tafeln in der Kirche zurecht, bauen Blumengestecke, Kerzen und Dekoration auf.

Danach buddeln wir noch kurz das winzige Urnengrab, zu zweit mit Abwechseln schaffen wir die 60 cm in unter 10 Minuten. Während Hans mit der Schubkarre gen Lagerplatz sprintet lege ich eilig noch einige Zweigchen die ich mir von einer Tanne auf dem Friedhofsgelände leihe um das Erdloch.

Zum Umziehen war keine Zeit, also rasen wir verdreckt mit dem alten Volvo zurück zum Institut. Ausladen, Papiere abgeben und direkt wieder zum Krankenhaus. Als wir den letzten Kandidaten “nach hause” gebracht haben ist endlich Mittag und ich erfahre, dass ich heute keine weitere Hilfe bei der Urnenbeisetzung bekomme – das Vertrauen (oder die Verzweiflung) von Herrn Grabowoski ist Grenzenlos.

Pause – Schuhe Putzen, verdreckte Kleidung wechseln und etwas Sauerkraut (man kann wirklich nie genug Kraut essen!).

Zurück im Institut bekomme ich die Ledermappe mit allem was die Hinterbliebenen von Frau Bitterbrecht so bekommen. Da beide Leichenwagen unterwegs sind wickle ich die Aschekapsel dezent in meine Jacke und mache mich in meinem Privatauto auf zum Friedhof – ich hätte zwar das Auto vom Chef bekommen aber der rastet sicher aus wenn sein neuer 7er dabei Kratzer abkriegt.

Angekommen habe ich noch etwa eine Stunde Zeit, ich baue also die Urne in der Kirche auf, lege die Schnur zum Absenken exakt in die Überurne ein und setze mich in den Aufenthaltsraum neben der Leichenhalle am Friedhofseingang. Es ist schön ruhig als ich gedanklich den Ablauf noch einmal durchgehe und auf den Geistlichen warte.

Die Ruhe wird vom lauten Knall der Eingangstür unterbrochen, als ich nachsehe steht da eine zierliche Blondine mitte 30 mit knallroten Augen, schlaksigen Klamotten und einem Rucksack. Den Look mag ich, aber naiv wie ich bin dachte ich dass sie sich nach ‘nem Blunt auf dem Friedhof verlaufen hat und sage ihr höflich dass hier nur Mitarbeiter Zutritt haben.

“Du musst vom Bestattungsinstitut sein, ich bin die Vertretung für den Pfarrer”. Ich starre sie an wie ein Erdmännchen, unfähig zu Blinzeln. Was machen die eigentlich mit der ganzen Kirchensteuer? Koks? Nutten? Beim Personalbüro scheint auf jeden Fall nichts an zu kommen.

Ich begrüße sie und weil sie darum bittet zeige ich ihr den improvisierten Umkleideraum in dem irgend eine Sekte, Jesuiten oder so, hin und wieder Gesangsproben abhalten.

Sie verkrümelt sich darin mit dem Versprechen bald fertig zu sein, das wäre auch besser denn es bleiben nur noch knapp 25 Minuten bis zum Beginn der Trauerfeier und ich habe wirklich keine Idee wie ich das alleine hinkriegen soll.

Als sie nach 10 Minuten noch immer nicht zurück ist und ich Panik bekomme klopfe ich kurz an die Tür und trete etwas über eilig in den Raum – direkt hinter der Tür steht die Vertretung, halb nackt. Sie sieht sie mich fragend an “Ja?” – “Ähm also es ist schon etwas spät… ” ich senke den Kopf und verlasse den Raum diskret Richtung Aufenthaltsraum. Während ich beschämt meine Runden drehe und zwischen Verspätung und einer weiteren Peinlichkeit hadere stellen sich mir einige Fragen: a) War das gerade die selbe Person? b) Warum um Himmels Willen macht man Anzughosen aus so dünnem Stoff? c) Wie soll ich denn in diesem Zustand die Überreste von Frau Bitterbrecht zu grabe tragen?

>Komm schon denk an was anderes… Tot, Verwesung, Kontostand, GEZ-Gebühren<  Gott sei Dank, es funktioniert.

Plötzlich tippt mir von hinten jemand auf die Schulter und ich zucke zusammen “Ist bei dir alles okay?” Juhu, sie ist fertig. Mehr noch: sie sieht jetzt aus wie das Musterbeispiel einer Geistlichen, nur noch dezent geschminkt, im schwarzen Talar, die Sneaker sind auch weg, eine abgegriffene Bibel in der Hand.

Wie machen Frauen das? Könnte ich in ein paar Minuten eine solche Metamorphose durchlaufen wäre ich Bankräuber geworden.

Wir laufen zur Kirche und keine 5 Minuten später sind alle Trauergäste, insgesamt 7, in der Kirche. Die Frau die ich vor ein paar Minuten noch für eine bekiffte BWL-Studentin gehalten habe legt los und hält eine Trauerrede die ihres gleichen sucht. Ich für meinen Teil mache bei meiner ersten “eigenen” Urnenbestattung jede Menge Fehler. Dank meiner bezaubernden göttlichen Aushilfe und einem fast völlig erblindeten Witwer fällt das aber nicht weiter auf. Am Ende bekomme ich sogar 20 Euro Trinkgeld für den miesen Auftritt.

Als die Show vorbei ist und ich mich Umziehe um das kleine Grab zu Schließen und die Blumen auf zu legen geht die Verwandlung wieder los. Ich bin längst fertig und warte kurz um mich zu Verabschieden als das kleine blonde Chamäleon wieder aus seiner Umkleide kommt. Jetzt in Trainingsklamotten mit Pferdeschwanz und bevor ich irgendetwas sagen kann verabschiedet sie sich mit den Worten “Na war doch gar nicht so übel, aber ein bissl Üben musst du noch”.

Während ich das Grab schließe und mich auf den Feierabend freue frage ich mich ob ich sie wieder sehen werde.

Der Tod macht heute Kaffeepause

Das könnte man wenigstens vermuten, denn in der Wochenmitte ist so gar nichts los.

Vormittags trifft die letzte Verwandte von Herrn Neumann im Institut ein, es ist seine Enkelin.

Eine Junge Frau Mitte 20 die mit einem alten Fiat Panda vor fährt dessen Motor gerade auch seine letzten Atemzüge durch hustet. Von Frau Kiesling erfahre ich später, dass sie als Zeitarbeiterin bei einem namhaften deutschen Automobilhersteller arbeitet und das Geld gerade so zum Überleben reicht.

Sie ist damit eine von vielen die schlicht kein Geld für Beerdigungen haben und man kann ihr Ansehen, dass sie mit ihrer Entscheidung für eine anonyme Urnenbestattung selbst nicht zufrieden ist. Leider ist das die billigste Lösung.

Ich fahre bei 0 Grad und Schneefall los um Urkunden und die Unbedenklichkeitsbescheinigungen zu holen, Hans sargt Herrn Neumann derweil im billigsten Modell inklusive Papierdecke ein. Die Kleidung die er bei der Abholung an hatte wird er mangels Geld auch im Hochofen an behalten, wenigstens bis sie in Flammen aufgeht.

Als ich zurück komme steht bereits der Transporter vom Abholservice des Krematoriums in der Einfahrt. Ein faszinierendes Fahrzeug, von außen ein 100% original gehaltener weißer Iveco Daily, öffnet man die hinteren Türen sind dort Schienen und Halterungen für 6 Särge eingebaut. Mit “unseren” 3 neuen Särgen ist der Wagen voll beladen.

Da alles geputzt und geölt ist und auch sonst nichts ansteht endet mein Arbeitstag heute bereits um kurz nach 12 Uhr.

 

Alt, Arm und Reich – Teil 2

[…] als wir wieder im Volvo sitzen starte ich kopfschüttelnd den Motor.

Der sonst so stille Hans fängt an zu Reden (!), er erzählt mir dass auch er das traurig findet, dass er schon schlimmere Einrichtungen gesehen hat und er sich fragt ob Herr Neumann wohl so endet wie den anderen die schon seit Jahren in der Sakristei der Stadtkirche herumstehen.

Moment mal… in der Sakristei stehen seit Jahren Leichen? Ich muss Nachfragen. “Nein, keine Leichen. Nur Urnen bei denen niemand die Bestattungskosten übernehmen will. Die stehen da schon 2-3 Jahre im Schrank rum – wenigstens sind sie nicht alleine”, als er das sagt sieht er wortlos aus dem Fenster und bleibt so bis wir wieder in der Firma angekommen sind.

Feierabend und ich frage mich ob er das wirklich ernst meint. Bei Gelegenheit muss ich unbedingt in diesen Schrank sehen.

[…]

Am Dienstag Morgen ist nicht viel zu tun, bis Mittag putzen wir die Geräte und bereiten eine Trauerfeier in der Stadtkirche vor.

Als keiner zusieht untersuche ich besagten Schrank. Ich hatte fast alle Fächer durch und keine Urnen gefunden als Hans den Raum betritt. Er scheint instinktiv zu wissen was ich suche: “Du glaubst mir nicht, oder? Schliess mal das da auf..”, er deutet auf ein Fach in der rechten unteren Ecke.

Im Fach stehen tatsächlich ein, zwei, drei… vier verstaubte Aschekapseln. Alle verstorben und eingeäschert im Zeitraum von 2009 bis 2012.

Auf meine Frage wann die denn begraben werden, weiß auch Hans keine genaue Antwort “Irgendwann, wenn Stadt oder Angehörige sich dazu bereit erklären das zu bezahlen”.

In Gedanken bin ich zwischen “furchtbar” und “Na gut, woanders stellt man sie auf den Kamin” hin und her gerissen. Sei’s drum, es ist Mittagspause und weder die Gedanken noch die Typen im Schrank werden weglaufen.

(… Pause …)

Nach der Pause sollten wir eigentlich die vorbereitete Trauerfeier begleiten, der Tod hatte aber wohl andere Pläne. Der Chef übernimmt die Trauerfeier und wir dürfen zur Pathologie und anschließend zum BRK-Altenheim. Schon wieder.

Diesmal kriegen wir aber den Benz. Weil, Zitat: “wir da nicht mit der Schrottkarre vorfahren können”. Hö? Hab ich was verpasst? Als ob die das interessiert?

In der Pathologie angekommen ist alles gut. Dort kostet das Umkleiden inkl. Einsargen €30 und man kann zusehen wie die Jungs am “Drive In” Ihren Job machen ohne selbst einen Finger zu rühren. Subjektiv brauchen sie dafür unter 2 Minuten und ein paar mehr oder weniger makabere Witze, eine Unterschrift und man kann inkl. Herrn Dungel wieder Fahren. Top Service!

Auf dem langen Weg zum Altenheim bereite ich mich gedanklich auf das schlimmste vor. Doch als ich am Gebäude anhalten will meint Navi-Hans “Nicht hier, da vorne rechts, dann noch 150 Meter. Da ist noch ein Heim”. Ach du Scheisse, die Schlampe Todesschwester(TM) hat einen bösen Zwilling?

Als wir im Foyer stehen komme ich mir vor wie im falschen Film. Das Gebäude gehört der selben Organisation und liegt nur 200 Meter weiter. Es ist blitzsauber, frische Blumen stehen herum, die Mitarbeiter sind freundlich und tun so als wären sie durch das Ableben von Herrn Wolf schwer betroffen. Auf Nachfrage erfahren wir dass er wohl in Gebäude C liegt, in seinem Bett im Appartement (!) 207 – wir bekommen den Schlüssel, alle nötigen Papiere und eine Rufnummer falls wir die 207 nicht finden.

Dank Lageplan brauchen wir nicht lange um Gebäude C zu finden, davor haben sich einige Besucher versammelt. Naiv wie ich bin dachte ich die wollen ihren Kumpel verabschieden – Fehlanzeige: sie stehen rum, Rauchen, trinken Bier und haben Spaß. Die Szene könnte gut und gerne auch bei “Old ass bastards” gesendet werden.

Im dritten Stock des Gebäudes werden wir fündig, Appartement war nicht gelogen hier sieht es aus wie im Studentenwohnheim. Kochnische mit reichlich Spirituose im Regal, Flachbildfernseher, kleines Badezimmer und in einem Krankenhausbett im Schlafzimmer findet sich auch Herr Wolf dessen Atemluftgerät noch munter vor sich hin pumpt. Ich nehme eine Flasche Vodka aus dem Regal und sehe Hans fragend an, “Tja. Unternehmer, Beamte, Piloten. Was besseres eben. Aber davon hat er jetzt auch nix mehr” er nimmt 2 Schnapsgläser aus dem Regal und meint “darauf trinken wir”, mit Blick auf Herrn Wolf “Stört Sie’s wenn wir uns Bedienen?”.

Gesagt getan, wir kippen zügig 3 Kurze und bereiten diskret die sterblichen Überreste von Herrn Wolf für den Transport vor. Dann verfrachten wir unseren Gastgeber in den Kühlraum im Institut. Da liegt er nun, genau neben Herrn Neumann und 3 anderen.

Der Chef ist noch unterwegs und so verabschieden wir uns in den Feierabend. Wie es mit den beiden weitergehen wird, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Alt, Arm und Reich – Teil 1

Es ist mein fünfter Arbeitstag im Institut und es ist kalt. So richtig kalt.

Bei -12 Grad (ja, Celsius) komme ich mir, als ich mit Hans morgens am Zentralfriedhof ein Grab aushebe, vor wie einer der grusligen Totengräber aus Transsilvanien die in irgendwelchen alten Trashfilmen zu sehen sind.

Arbeitshandschuhe habe ich zwar bekommen, die helfen aber bei diesen Temperaturen absolut nichts. Die mechanischen Metallstreben für die Schalung im Grab sind einfach nur eiskalt und das Herumtragen der benötigten Schalungen ist bei dieser Kälte extrem anstrengend.

Nach nicht ganz 3 Stunden haben wir es geschafft und eine schöne eiskalte letzte Ruhestätte geschaffen. Vertieft, das heißt 1,80 Meter tief und dank Sandboden 3-fach ausgeschalt. Danach Leeren wir noch die Mülltonnen des lokalen Friedhofs und verabschieden uns in die Mittagspause.

 

Nach 4 Bratwürsten mit einer ordentlichen Portion Sauerkraut (bei der Kälte kann man(n) nie genug Sauerkraut essen) geht’s wieder zurück an die Arbeit. Noch als wir die alte Meierhöfer Einsargen erhalten wir einen neuen Auftrag: “zieht euch mal um, ihr müsst noch jemanden aus dem BRK Altenheim abholen. Die Beerdigung von der da übernehme ich.”

Wir nicken uns zu und gehen in die Umkleide, aber insgeheim frage ich mich was am BRK Altenheim so schlimm sein soll dass nicht mal der Chef dort hin will.

Da ich den Umgang mit dem Leichenwagen üben soll schwinge ich mich gekonnt ins Cockpit des alten Volvo – in Gedanken bin ich noch ganz bei der alten Meierhöfer deren letzter Akt wohl ein Sturz war. Direkt mit der Stirn auf die Granitfliesen ihrer Eingangstreppe. Schädelbruch und nicht unbedingt ein schöner Anblick.

Hans schreckt mich mit einem mürrischen “willst du nicht mal losfahren?” aus meinen Gedanken. Als wir so durch die Innenstadt Cruisen spielt der Wortkarge Hans das Navi: “hier links, die nächste rechts dann sind wir fast da”. Ich finde das macht er super. Mein privates Navi hätte das jetzt nicht besser gekonnt. Allerdings hätte sich meines auch nicht über musikalische Begleitung beschwert.

Als ich den Wagen, mehr oder weniger, gekonnt in die Todesgasse (besser bekannt als Lieferanteneingang) des Altenheims steuere kommt mir schon der Müll komisch vor der dort herumliegt. Hans weiß genau wohin es geht und öffnet die erste Tür, ein modrig beißender Geruch weht mir entgegen und ich beginne zu Ahnen was nun kommt. Links, rechts, links und in den Fahrstuhl, “wir müssen in den dritten Stock”, meint Hans.

Immer noch in Gedanken an irgendetwas anderes weckt mich das *ping* des Fahrstuhls wieder auf. Direkt vor der Tür steht auch schon eine “Krankenschwester”, sie begrüßt uns nicht und stellt keine Fragen, sie deutet nur den Gang runter “da lang”.

Wie einer dieser weiblichen Feldwebel bei der Bundeswehr marschiert die Schwester mit ihren gut 50 Jahren den Gang runter, “da drin!” murrt sie.

Als wir das Zimmer betreten stockt mir kurz der Atem – da liegen 5 alte Menschen, mehr tot als lebendig, zwischen Ihnen liegt der Leichnam eines alten Mannes. Der Mund steht weit offen, er ist nicht abgedeckt, er wurde nicht rausgefahren und wenigstens 3 der Insassen dürften einen ganz guten Blick auf ihn haben. So liegt er nun seit deren Anruf von gestern Abend da und neben ihm steht einsam eine längst erloschene Kerze.

In diesem Moment sehe ich Hans tief in die Augen, seine Mimik verrät mir “ich weiß, es ist traurig, aber es ist nun mal so”. Wortlos “verpacken” wir den verblichenen Herrn Neumann in unserer Trage und begeben uns langsam aus dem Zimmer, die Feldwebel-Todesschwester immer einen Schritt voraus.

Als ich das Zimmer verlasse und die Türe hinter mir schließe sehe ich in die Augen der alten Dame die genau gegenüber von Herrn Neumann’s Bett liegt – sie weint….

 

 

Fortsetzung folgt im nächsten Beitrag.

Ein frohes und gesundes neues 2017

Der Rauschzustand der Silvesternacht ist langsam abgeklungen, deshalb wünsche ich allen Lesern, nachträglich, ein frohes und natürlich gesundes neues Jahr.

Dass die gesellschaftlichen Konventionen es verbieten damit so spät an zu kommen weiß ich natürlich – ist mir aber völlig egal.

 

In Sachen Blog gibt es übrigens gute (?) Nachrichten. Da sich ein Sponsor für Webspace und Domain gefunden hat geht’s hier nämlich bald weiter.

 

Warum? Hauptsächlich dank Petra vom Totenhemd-Blog die so nett war mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich es tatsächlich ohne ein Verbrechen zu begehen in die Bild geschafft habe.

Nun hat der Bild Praktikant Redakteur sich aber offenbar nicht einmal die Mühe gemacht den Kram hier zu Lesen, deshalb wurde bestatter-blog.com auf meinen Wunsch aus deren Beitrag entfernt.

Einerseits hat mich das irgendwie gefreut, andererseits bin ich jetzt motiviert bei einer richtigen anderen Zeitung Erwähnung zu finden. Die FAZ wäre super, aber zur Not tut’s auch die Süddeutsche. 😛

 

Tetris im Kühlraum – der vierte Tag

Montag, 7:55 Uhr, -8 Grad. Am Freitag hatte Herr Schmidt den Kühlraum für sich alleine und so habe ich mich auf einen entspannten Tagesablauf – möglichst drinnen – gefreut.

Als ich reinkomme bittet der Chef Frau Weiherhofer mal den Kühlraum zu Reinigen „ist auch nur einer drin“. Wie ich erfahre macht sie das wohl nur wenn der Raum möglichst leer ist. Sie sieht den Chef skeptisch an und geht. Als sie 2 Minuten später wieder ins Büro kommt sagt sie mit gelangweilter Miene „warum falle ich eigentlich immer noch drauf rein?“ und verschwindet wortlos in der Küche.

Warum sie so reagiert interessiert mich und bei der nächsten Gelegenheit werfe ich einen Blick in den Kühlraum. Er ist randvoll, 5 Sektionstische, alle voll, ein Leichnam liegt auf einem Brett weil kein Tisch mehr frei war und zwei Särge fürs Krematorium sind aufeinander gestapelt.

Wahnsinn, ich Frage wo Chefchen und Hans übers Wochenende 7 Leichen heraus gezerrt haben.

„Krankenhaus, Krankenhaus, Krankenhaus, Palliativstation, Hausabholung, Altenheim, Altenheim.“

Der Chef bemerkt „ist aber nicht so schlimm, die gehen alle bis auf zwei Übermorgen ins Krematorium“.

Was zum? Haben die Leute am Wochenende nichts besseres zu tun als zu sterben?

Da die meisten übermorgen „raus gehen“ fällt mir die Aufgabe zu, zu Beurkunden. Ich bekomme also von Frau Kiesling eine Liste mit Landratsämtern und Polizeistationen, dazu noch ein Bündel 100 Euro Scheine und alle nötigen Papiere.

„Sie fahren zum jeweiligen Landratsamt, holen sich eine Todesbescheinigung, danach fahren Sie mit der Todesbescheinigung zur Polizei und lassen sich die Unbedenklichkeit für die Feuerbestattung bescheinigen.“

Da gerade kein anderer Wagen frei ist nehme ich den klapprigen Volvo-Leichenwagen und fahre direkt los nach Regensburg. Die alte Kiste fährt sich recht komfortabel, solange man nicht rückwärts Einparken muss ist alles gut. Als ich 2 km vom Institut entfernt bin freue ich mich auf eine längere Autofahrt und schalte endlich mal das Radio an.. leider kommt nur Rauschen und die einzige Kassette die in der Ablage des Wagens liegt trägt die Aufschrift „english for beginners“. Mist…

Bei mir denke ich das ist besser als keine Unterhaltung und stecke die Kassette ins Kassettendeck des Blaupunktradios wo sie sich sofort verklemmt. So eine Scheiße!

Etwa eine halbe Stunde später fahre ich auf einen Parkplatz um zu Rauchen und vielleicht die Kassette irgendwie wieder aus dem Radio zu kriegen. Ich zünde mir also meine Zigarette an und überlege wie ich die Kassette da raus kriege, als mir einfällt, dass irgendwo im Seitenteil des Autos ein Versorgungskoffer mit Skalpell sein müsste.

Ich öffne also die Seitentüren und durchsuche den Koffer, als ich endlich das Skalpell gefunden habe und mich umdrehe stehen dort 2 LKW Fahrer und eine Familie aus Holland die mir interessiert zusehen wie ich rauchend im Leichenwagen nach irgendwas suche. Für einen Außenstehenden muss das gerade ziemlich grotesk aussehen.

Unbeirrt werfe ich die Kippe weg und gehe mit dem Skalpell zum Radio. Nach ein paar Minuten bekomme ich die Kassette unbeschadet aus dem Radio und setze meine Fahrt fort.

Beim Landratsamt Regensburg angekommen klopfe ich an die Türe und trete ein, drin sitzen 3 Leute, einer liest gerade Zeitung, ein anderer ruft sein Facebook-Profil ab und der Dritte sitzt einfach nur gelangweilt da… ja, das muss es sein. Nach einer gefühlten Stunde und 175,20 Euro habe ich die ersten drei Bescheinigungen und mache mich auf zur Polizeidienststelle. Die Beamten dort sind zwar unfreundlich, aber arbeiten wenigstens schneller als die beim Landratsamt und so bin ich bald auf dem Weg zur nächsten Station.

Es läuft überall ähnlich ab und nach 423 km ohne Pause komme ich wieder im Institut an, die meisten Leute im Kühlraum wurden eingesargt und stehen im billigsten Sargmodell, aufeinander gestapelt, zur Abholung bereit.

Allerdings sind auch schon wieder zwei neue dazu gekommen. Ich bin ja mal gespannt was die nächsten Tage so kommt – denn ich habe für heute zum Glück Feierabend.

Besuch vom Finanzamt – Tag 3

Heute ist der letzte Freitag im Januar und draußen ist es eiskalt. Neue Leichen gibt es keine und die Angehörigen von Herrn Schmidt vom Vortag waren noch nicht hier um Kleidung vorbei zu bringen und einen Sarg aus zu suchen. Deshalb Beschäftigen wir uns den ganzen Vormittag mit der Reinigung und Wartung der Gerätschaften.

Während ich den Laster putze vergeht der Morgen erstaunlich schnell und ehe ich mich versehe habe ich auch schon Pause.

Danach ging’s zum Stadtfriedhof um die Urne eines Finanzbeamten a.D. (wenigstens dessen bin ich mir in Anbetracht seines Zustands sicher) bei zu setzen.

Als wir am Friedhof die Kirche vorbereitet hatten und die Urne hübsch aufgebaut war gingen wir zurück in den Aufenthaltsraum um auf den katholischen Geistlichen zu warten.

Herr Grabowoski und Hans vernichten während der Wartezeit 3 Kurze und ich bekomme wieder mal keinen – dafür darf ich heute die Urne tragen.

Als mit dem Priester alles geklärt ist und die Trauernden sich in der Kirche eingefunden haben buddelt der Chef noch schnell das Urnengrab. Das scheint mir zwar etwas kurzfristig, funktioniert aber erstaunlich gut. Danach Warten wir zu dritt im Hinterzimmer der Kirche (die Gläubigen nennen das wohl Sakristei). Ich soll die Urne Tragen, Hans das Kreuz und der Chef läuft mit dem Pfarrer vorweg.

Als der Pfarrer seine Lobrede auf den Verblichenen beendet hat trete ich langsam in die Kirche und hebe die Urne von ihrem Platz. Schleichend geht’s zur Tür, die Familie läuft direkt hinter mir. Alle Glocken die eine Kirche so hat sind am Läuten und wir Laufen langsam zum Grab. Dort angekommen baue ich mich direkt vor dem winzig kleinen Erdloch auf und ehe ich mich versehe Tätschelt die trauernde Witwe an der Urne in meinen Händen herum. Ihr ist wohl gerade ziemlich egal, dass mir die Urne wenn Sie mit ihren Pranken so dran herumfuchtelt leicht runter fallen könnte…

Zum Glück bemerkt der Pfarrer das und fängt mit einer kurzen aber emotionalen letzten Rede an, danach darf ich die Urne langsam ins Grab herunter lassen.

Die Witwe ist in diesem Moment kurz vorm Zusammenbrechen, anstatt ihr jetzt bei zu stehen baut sich allerdings die halbe Belegschaft des örtlichen Finanzamts neben dem Pfarrer auf und bekommt das Mikrofon.

Eine Lobrede von und für einen Finanzbeamten, mein schlimmster Albtraum.

Leider kann ich das nicht aufhalten und so fängt der Leiter der örtlichen Geschäftsstelle seine Rede an. Den Wortlaut kann ich nicht behalten, die Rede ist aber etwa so Lange wie die gesamte bisherige Trauerfeier und, genau das habe ich befürchtet, völlig Inhaltslos.

Als dann endlich nach etwa 45 Minuten alle Reden gehalten waren dauert es noch einmal gut 30 Minuten bis die Trauergäste den Friedhof verlassen und wir das Grab schließen können.

Zurück im Institut ist die Kleidung von Herrn Schmidt angekommen und Frau Kiesling hat auch bereits einen Schicken Sarg, Modell „Rose“ verkauft.

Der Chef merkt an, dass Herr Schmidt ja nicht mehr weg läuft und das Einsargen auch bis Montag warten kann.

Feierabend und Wochenende, endlich etwas Zeit um die ersten Eindrücke zu verarbeiten.

Trial and Error – Tag 2

Es ist mein zweiter Arbeitstag, nachdem ich widerwillig aus meinem warmen Bett gekrochen bin stehe ich um zehn vor acht im Büro.

Außer mir und Frau Kiesling ist bisher niemand da, so ein Dreck – ich dachte die Besprechung am Morgen dauert länger. Da Grabmachen ansteht und ich mich noch Umziehen muss habe ich wenigstens einen Grund mich zu Verkrümeln. Nachdem das erledigt ist standen auch schon alle im Büro und waren wieder fleißig am Witzeln über Frau Tot.

Das muss wohl schon ein paar Tage so gehen, denn Frau Kiesling ändert ihre Tonlage und erklärt, dass sie das Wort „tot“ heute nicht mehr hören will. In der nächsten Sekunde klingelt das Telefon und ihre Stimmlage ändert sich von passiv-aggressiv zu einem zuckersüßen „Bestattungsinstitut Grabowoski, Kiesling“, tja das war wohl nichts mit dem Wort..

Der Chef und Hans machen, kaum hörbar, weiter Witze und man sieht Frau Kiesling an, dass sie sich zusammen reißen muss um nicht lauthals in den Telefonhörer zu Lachen. Eine ziemlich miese Nummer, sie bleibt aber erstaunlich professionell. In ein paar Stunden muss das Grab fertig sein und so mache ich mich zusammen mit Hans auf den Weg zum Laster.

Angekommen am Friedhof in Heidendorf weiß ich schon was ich zu tun habe – da ich den kleinen Friedhosbagger leider noch nicht fahren darf – bin ich der Arsch der den Ganzen Kram zur zukünftigen Ruhestätte von Frau Meinert trägt und die Schalungen ins Grab macht.

Bei -2 Grad schwitze ich nach 3 Stunden wie ein Schwein.

Zum Glück ist jetzt erst mal Mittagspause.

Nach der Pause fahre ich mit Hans und der alten Meinert im Leichenwagen zum Friedhof, da viele Leute kommen nehmen wir wieder den neuen Mercedes mit dem tollen Radio das ich nicht Einschalten darf. Der Chef fährt mit dem Laster und parkt ihn mehr oder weniger diskret hinter der Friedhofsmauer.

Anschließend bringen wir den Sarg in die Leichenhalle neben der Friedhofskirche. Danach warten wir auf die Trauergemeinde die sich noch in der Dorfkirche befindet und ich bekomme meinen Einsatzbefehl. Diesmal ist es nicht der Lautsprecher, sondern der CD-Player den ich Bedienen soll. Alle Erklären mir ganz genau „Sie warten in der Kirche auf der Empore und wenn die Friedhofsglocke Läutet schalten Sie den CD-Player ein und spielen Lied 1. Lassen Sie das Lied laufen bis der Pfarrer Ihnen zunickt, danach schalten Sie den Player ab, wenn die Leute die Kirche verlassen haben, laufen Sie mit dem Player zum Grab und Spielen dort Lied 2.“

Das klingt nach der perfekten Einweisung, als Nebenberuflicher Programmierer setze ich das auch genau so um.

Während ich also auf der Empore warte und durch die milchigen Fenster die einlaufende Trauergemeinde beobachte wird die Glocke geläutet. Ich starte den Player und in der ganzen Kirche dröhnt laut „Candle in the wind“ von Elton John. Man hört es bis draußen und während ich durchs Fenster beobachte wie sich ein Altweiberchor (wie nennt man so was eigentlich?) aufbaut frage ich mich ob das jetzt richtig war.

Als ich sehe wie Herr Grabowoski in Richtung Kirche sprintet wird mir klar, dass das so wohl nicht gedacht war und ich schalte den Player ab.

Draußen fängt jetzt der Chor an zu singen, als sie fertig sind Läutet die Glocke erneut, ich schalte Elton John wieder an und diesmal scheints der Richtige Zeitpunkt zu sein.

Der Pfarrer mit samt Trauerzug und Sargträgern läuft in die Kirche und stellt sich neben den Altar, kein einziger hat sich gesetzt als mir der Pfarrer zu nickt und ich, streng gemäß meiner Anweisungen, den Player abschalte. Er fängt sofort an mir wild zu Gestikulieren dass das Lied weiter laufen soll… der CD-Player braucht dafür aber eine ganze Weile und ich würde am Liebsten vor Scham im Boden versinken.

Schönen Dank Herr Grabowoski, sie hätten dem Typen ruhig sagen können dass ich das Lied stoppe wenn er mir auffällig zunickt…

Die Trauerfeier verläuft normal und ehe ich mich versehe stehe ich am Grab und spiele „The End“ von Groove Coverage. Ob eine 82-jährige das bei Ihrer Beisetzung hören wollte? Keine Ahnung, klingt aber nicht so schlecht.

Als Frau Meinert in ihrem kalten Grab liegt und die Trauergäste weg sind schließe ich zusammen mit Hans das Grab und lege die zahllosen Kränze und Blumen auf.

Wusstet ihr, dass die Schleifen immer noch vorne zeigen sollen? Ich nicht und deshalb darf ich das Ganze nochmal machen.

Um 17 Uhr kommen wir wieder ins Institut und total fertig von der Schaufelei freue ich mich auf den wohl verdienten Feierabend. Dort angekommen erfahren wir leider dass Herr Schmidt im lokalen Altenheim „St. Anna“ beschlossen hat heute zu Sterben. Da er die paar Stunden bis „Geschäftsschluss“ wohl nicht mehr abwarten wollte ziehe ich mich um und fahre mit Hans im klapprigen alten Volvo zum Altenheim. Als wir dann die Leichentrage durch die Gänge schieben bemerkt Hans „merk dir den Weg, hier sterben viele“, dass uns dabei Bewohner zuhören ist ihm egal.

Als wir uns bei den Pflegerinnen durchgefragt haben und die Todesbescheinigung geprüft haben holen wir Herrn Schmidt aus seinem „Bewohnerzimmer“ und packen ihn recht schnell auf die Trage. Reißverschluss zu und ehe ich mich versehe sind wir wieder im Institut.

Hans meint er hat keine Lust mehr den jetzt auf einen Tisch zu legen, also stellen wir die Trage so wie Sie ist im Kühlraum ab und machen Feierabend.

Der erste Tag

An einem kalten Frühlings morgen begann mein offizieller Job beim Bestatter. Pünktlich um fünf vor 8, in neuen Klamotten, und diesmal ohne vorher zu Rauchen stehe ich im Büro.

Die tägliche Besprechung war wohl schon vorbei und nach 5 Minuten und einigen Witzen die ich nicht verstanden habe ging die Arbeit los. Ich folge Hans direkt in den Sektionsraum, wo der erste Sarg schon fertig ausgestattet bereit steht und der Leichnam einer korpulenten Frau Anfang/Mitte 50 darauf wartet eingesargt zu werden. Der Chef muss „Beurkunden“, was auch immer das sein mag.

Beim Ankleiden der Frau kann ich den Zettel an Ihrem großen Zeh lesen und verstehe jetzt endlich die Witze die vorhin im Büro zu hören waren. „Tot, Hanna“ steht über dem Geburtsdatum.

Der Körper macht einen aufgedunsenen Eindruck und ist übersät von Leichenflecken, als Laie schließe ich daraus dass Frau Tot ihrem Namensvetter wohl schon vor einigen Tagen begegnet sein muss.

Hans weist mich deshalb an vorsichtig zu sein, da sich ein Leichnam in diesem Zustand wohl leicht übergeben kann „wir müssen da bei der Beerdigung unbedingt nochmal nachsehen, der Sarg soll geöffnet werden, manchmal kotzen die auch beim Transport“. Nach 10 Minuten liegt die gute Frau in Ihrem Eichensarg und wir laden Sie vorsichtig in den Mercedes.

Was folgt kannte ich bereits vom Probearbeitstag, wir bereiten drei weitere Särge vor und sargen 3 Kandidaten ein.

Diesmal muss das Ganze laut Hans nicht 100% perfekt aussehen, denn die Särge werden alle samt am Nachmittag abgeholt und ins Krematorium gebracht wo sie sowieso wieder aufgemacht und die Leichen begutachtet werden.

10 vor 12 sind wir mit der Einsargerei fertig und gönnen uns vor der Mittagspause ein bisschen Ruhe im Aufenthaltsraum. Als der Chef kam gingen wir direkt in die Pause, Nachmittags werden wir Frau Tot auf ihrem „Heimatfriedhof“ beisetzen. Das Grab hat der Chef wohl gestern Nachmittag schon ausgehoben.

Nachdem ich zuhaue gegessen hatte komme ich Pünktlich um 13 Uhr wieder in die Firma.

Gleich kommt meine erste Beerdigung, ich bin tierisch aufgeregt und niemand hat mich über den Ablauf von so etwas informiert.

Als ich mich zusammen mit Hans im Leichenwagen auf den Weg mache frage ich nach dem Radio, leider bemerkt Hans, dass er nur klassische Musik hört und ich ihm mit so einem Scheiß nicht auf den Wecker gehen soll. Scheiße – nicht genug, dass ich Aufgeregt bin weil mir niemand den Ablauf erklärt hat – jetzt sitze ich 30km lang mit dem wortkargen Hans ohne Radio im Wagen.

Nach ¾ der Strecke erklärt Hans mir wenigstens die wichtigsten Details zum Ablauf. Als wir fast da sind Stoppt der Wagen. Nach einigen Sekunden sehe ich Hans fragend an und erfahre, dass wir auf das Läuten der Kirchenglocken warten bevor wir den Leichnam an der Kirche vorbei zum örtlichen Friedhof fahren.

Als die Glocken endlich läuten sehe ich bereits zahlreiche Trauergäste aus der Kirche kommen, sie folgen uns.

Am Friedhof angekommen zerrt eine ältere Dame einen Rollwagen für den Sarg neben den Wagen und wir laden Frau Tot vorsichtig aus. Der Chef trifft ein und fragt nach dem Ehemann der verstorbenen, offenbar hat er ihn nie gesehen, denn erstmal findet er Ihn nicht.

Als Herr Tot eintrifft rollen wir den Sargwagen langsam zur Friedhofskapelle, ich folge Hans und Helfe ihm den Lautsprecher für den Pfarrer auf zu stellen.

Für die Bedienung, sprich das ein und ausschalten während der Trauerfeierlichkeiten, bin heute ich zuständig. „Einfach einschalten, wenn der Pfarrer anfangen will zu reden, keine Ahnung wie man das Mikrofon stumm schaltet“.

Insgeheim freue ich mich, on/off, das kriege ich hin.

Bis es soweit ist wartet Hans am anderen Ende des Friedhofs auf den geistlichen um ihm das Micro zu geben. Ich positioniere mich neben den Trauernden und beobachte aufmerksam was der Chef macht. Er bittet mich beim öffnen des Sarges zu helfen, was ich natürlich tue. Als der Sarg offen ist holt er ein Taschentuch heraus, wischt der Verstorbenen vor den Augen der Angehörigen etwas Erbrochenes aus den Mundwinkeln, lässt das Taschentuch in seiner Anzughose verschwinden und sagt trocken „Jetzt können Se sich verabschieden“.

Macht man das so? Wieder was gelernt.

Danach nötigen die Kinder der Verblichenen ihren etwa 5 jährigen Enkel „leg der Oma doch noch dein Bild in den Sarg“.

Man sieht, dass er Angst hat und nicht will. Er erkennt seine Großmutter nicht wieder. Als der Kleine das Bild dann endlich in den Sarg wirft und ängstlich das Weite sucht fehlen mir die Worte – im gleichen Moment trifft am anderen Ende des Friedhofs der Pfarrer samt 100 Mann starkem Trauerzug ein und ich verkrümle mich dezent in Richtung Lautsprecher.

Als der Trauerzug sich vor der kleinen Kapelle versammelt hatte und der Pfarrer seine Rede beginnen wollte schalte ich den Lautsprecher an.

Er redet einige Takte als ein lautes Rauschen den Lautsprecherempfang stört, ich schrecke blitzartig zurück und das Rauschen hört auf – vermutlich hätte ich mein Handy aus und nicht auf stumm schalten sollen – leider ist es zu spät, bei jeder Bewegung die ich mache Rauscht der Lautsprecher ganz fürchterlich und alle Trauergäste sehen mich mit ernstem Blick an.

Vielen Dank IPhone. -.-

Der Rest der Feier verläuft gut, ich bediene den Lautsprecher trotz Rauschen weiter und als der Sarg abgesenkt war werde ich von Hans zurück zum Wagen mitgenommen. Der Chef bleibt vor Ort.

Um 16 Uhr sind wir zurück im Institut und ich habe Feierabend, Hans fährt mit dem Laster zurück zum Friedhof und füllt zusammen mit dem Chef das Grab wieder ein.

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