[…] als wir wieder im Volvo sitzen starte ich kopfschüttelnd den Motor.

Der sonst so stille Hans fängt an zu Reden (!), er erzählt mir dass auch er das traurig findet, dass er schon schlimmere Einrichtungen gesehen hat und er sich fragt ob Herr Neumann wohl so endet wie den anderen die schon seit Jahren in der Sakristei der Stadtkirche herumstehen.

Moment mal… in der Sakristei stehen seit Jahren Leichen? Ich muss Nachfragen. “Nein, keine Leichen. Nur Urnen bei denen niemand die Bestattungskosten übernehmen will. Die stehen da schon 2-3 Jahre im Schrank rum – wenigstens sind sie nicht alleine”, als er das sagt sieht er wortlos aus dem Fenster und bleibt so bis wir wieder in der Firma angekommen sind.

Feierabend und ich frage mich ob er das wirklich ernst meint. Bei Gelegenheit muss ich unbedingt in diesen Schrank sehen.

[…]

Am Dienstag Morgen ist nicht viel zu tun, bis Mittag putzen wir die Geräte und bereiten eine Trauerfeier in der Stadtkirche vor.

Als keiner zusieht untersuche ich besagten Schrank. Ich hatte fast alle Fächer durch und keine Urnen gefunden als Hans den Raum betritt. Er scheint instinktiv zu wissen was ich suche: “Du glaubst mir nicht, oder? Schliess mal das da auf..”, er deutet auf ein Fach in der rechten unteren Ecke.

Im Fach stehen tatsächlich ein, zwei, drei… vier verstaubte Aschekapseln. Alle verstorben und eingeäschert im Zeitraum von 2009 bis 2012.

Auf meine Frage wann die denn begraben werden, weiß auch Hans keine genaue Antwort “Irgendwann, wenn Stadt oder Angehörige sich dazu bereit erklären das zu bezahlen”.

In Gedanken bin ich zwischen “furchtbar” und “Na gut, woanders stellt man sie auf den Kamin” hin und her gerissen. Sei’s drum, es ist Mittagspause und weder die Gedanken noch die Typen im Schrank werden weglaufen.

(… Pause …)

Nach der Pause sollten wir eigentlich die vorbereitete Trauerfeier begleiten, der Tod hatte aber wohl andere Pläne. Der Chef übernimmt die Trauerfeier und wir dürfen zur Pathologie und anschließend zum BRK-Altenheim. Schon wieder.

Diesmal kriegen wir aber den Benz. Weil, Zitat: “wir da nicht mit der Schrottkarre vorfahren können”. Hö? Hab ich was verpasst? Als ob die das interessiert?

In der Pathologie angekommen ist alles gut. Dort kostet das Umkleiden inkl. Einsargen €30 und man kann zusehen wie die Jungs am “Drive In” Ihren Job machen ohne selbst einen Finger zu rühren. Subjektiv brauchen sie dafür unter 2 Minuten und ein paar mehr oder weniger makabere Witze, eine Unterschrift und man kann inkl. Herrn Dungel wieder Fahren. Top Service!

Auf dem langen Weg zum Altenheim bereite ich mich gedanklich auf das schlimmste vor. Doch als ich am Gebäude anhalten will meint Navi-Hans “Nicht hier, da vorne rechts, dann noch 150 Meter. Da ist noch ein Heim”. Ach du Scheisse, die Schlampe Todesschwester(TM) hat einen bösen Zwilling?

Als wir im Foyer stehen komme ich mir vor wie im falschen Film. Das Gebäude gehört der selben Organisation und liegt nur 200 Meter weiter. Es ist blitzsauber, frische Blumen stehen herum, die Mitarbeiter sind freundlich und tun so als wären sie durch das Ableben von Herrn Wolf schwer betroffen. Auf Nachfrage erfahren wir dass er wohl in Gebäude C liegt, in seinem Bett im Appartement (!) 207 – wir bekommen den Schlüssel, alle nötigen Papiere und eine Rufnummer falls wir die 207 nicht finden.

Dank Lageplan brauchen wir nicht lange um Gebäude C zu finden, davor haben sich einige Besucher versammelt. Naiv wie ich bin dachte ich die wollen ihren Kumpel verabschieden – Fehlanzeige: sie stehen rum, Rauchen, trinken Bier und haben Spaß. Die Szene könnte gut und gerne auch bei “Old ass bastards” gesendet werden.

Im dritten Stock des Gebäudes werden wir fündig, Appartement war nicht gelogen hier sieht es aus wie im Studentenwohnheim. Kochnische mit reichlich Spirituose im Regal, Flachbildfernseher, kleines Badezimmer und in einem Krankenhausbett im Schlafzimmer findet sich auch Herr Wolf dessen Atemluftgerät noch munter vor sich hin pumpt. Ich nehme eine Flasche Vodka aus dem Regal und sehe Hans fragend an, “Tja. Unternehmer, Beamte, Piloten. Was besseres eben. Aber davon hat er jetzt auch nix mehr” er nimmt 2 Schnapsgläser aus dem Regal und meint “darauf trinken wir”, mit Blick auf Herrn Wolf “Stört Sie’s wenn wir uns Bedienen?”.

Gesagt getan, wir kippen zügig 3 Kurze und bereiten diskret die sterblichen Überreste von Herrn Wolf für den Transport vor. Dann verfrachten wir unseren Gastgeber in den Kühlraum im Institut. Da liegt er nun, genau neben Herrn Neumann und 3 anderen.

Der Chef ist noch unterwegs und so verabschieden wir uns in den Feierabend. Wie es mit den beiden weitergehen wird, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.