Es ist mein fünfter Arbeitstag im Institut und es ist kalt. So richtig kalt.

Bei -12 Grad (ja, Celsius) komme ich mir, als ich mit Hans morgens am Zentralfriedhof ein Grab aushebe, vor wie einer der grusligen Totengräber aus Transsilvanien die in irgendwelchen alten Trashfilmen zu sehen sind.

Arbeitshandschuhe habe ich zwar bekommen, die helfen aber bei diesen Temperaturen absolut nichts. Die mechanischen Metallstreben für die Schalung im Grab sind einfach nur eiskalt und das Herumtragen der benötigten Schalungen ist bei dieser Kälte extrem anstrengend.

Nach nicht ganz 3 Stunden haben wir es geschafft und eine schöne eiskalte letzte Ruhestätte geschaffen. Vertieft, das heißt 1,80 Meter tief und dank Sandboden 3-fach ausgeschalt. Danach Leeren wir noch die Mülltonnen des lokalen Friedhofs und verabschieden uns in die Mittagspause.

 

Nach 4 Bratwürsten mit einer ordentlichen Portion Sauerkraut (bei der Kälte kann man(n) nie genug Sauerkraut essen) geht’s wieder zurück an die Arbeit. Noch als wir die alte Meierhöfer Einsargen erhalten wir einen neuen Auftrag: “zieht euch mal um, ihr müsst noch jemanden aus dem BRK Altenheim abholen. Die Beerdigung von der da übernehme ich.”

Wir nicken uns zu und gehen in die Umkleide, aber insgeheim frage ich mich was am BRK Altenheim so schlimm sein soll dass nicht mal der Chef dort hin will.

Da ich den Umgang mit dem Leichenwagen üben soll schwinge ich mich gekonnt ins Cockpit des alten Volvo – in Gedanken bin ich noch ganz bei der alten Meierhöfer deren letzter Akt wohl ein Sturz war. Direkt mit der Stirn auf die Granitfliesen ihrer Eingangstreppe. Schädelbruch und nicht unbedingt ein schöner Anblick.

Hans schreckt mich mit einem mürrischen “willst du nicht mal losfahren?” aus meinen Gedanken. Als wir so durch die Innenstadt Cruisen spielt der Wortkarge Hans das Navi: “hier links, die nächste rechts dann sind wir fast da”. Ich finde das macht er super. Mein privates Navi hätte das jetzt nicht besser gekonnt. Allerdings hätte sich meines auch nicht über musikalische Begleitung beschwert.

Als ich den Wagen, mehr oder weniger, gekonnt in die Todesgasse (besser bekannt als Lieferanteneingang) des Altenheims steuere kommt mir schon der Müll komisch vor der dort herumliegt. Hans weiß genau wohin es geht und öffnet die erste Tür, ein modrig beißender Geruch weht mir entgegen und ich beginne zu Ahnen was nun kommt. Links, rechts, links und in den Fahrstuhl, “wir müssen in den dritten Stock”, meint Hans.

Immer noch in Gedanken an irgendetwas anderes weckt mich das *ping* des Fahrstuhls wieder auf. Direkt vor der Tür steht auch schon eine “Krankenschwester”, sie begrüßt uns nicht und stellt keine Fragen, sie deutet nur den Gang runter “da lang”.

Wie einer dieser weiblichen Feldwebel bei der Bundeswehr marschiert die Schwester mit ihren gut 50 Jahren den Gang runter, “da drin!” murrt sie.

Als wir das Zimmer betreten stockt mir kurz der Atem – da liegen 5 alte Menschen, mehr tot als lebendig, zwischen Ihnen liegt der Leichnam eines alten Mannes. Der Mund steht weit offen, er ist nicht abgedeckt, er wurde nicht rausgefahren und wenigstens 3 der Insassen dürften einen ganz guten Blick auf ihn haben. So liegt er nun seit deren Anruf von gestern Abend da und neben ihm steht einsam eine längst erloschene Kerze.

In diesem Moment sehe ich Hans tief in die Augen, seine Mimik verrät mir “ich weiß, es ist traurig, aber es ist nun mal so”. Wortlos “verpacken” wir den verblichenen Herrn Neumann in unserer Trage und begeben uns langsam aus dem Zimmer, die Feldwebel-Todesschwester immer einen Schritt voraus.

Als ich das Zimmer verlasse und die Türe hinter mir schließe sehe ich in die Augen der alten Dame die genau gegenüber von Herrn Neumann’s Bett liegt – sie weint….

 

 

Fortsetzung folgt im nächsten Beitrag.