Bestatter-blog.com

der etwas andere Bestatterweblog

Monat: Februar 2017

Wie ein Hund

Es ist Freitag, Hans und der Chef sind schon seit 4 Uhr unterwegs um einen Leichnam aus Hamburg zu Überführen. Mein Tag wurde vorab schon durchgeplant.

Von 8 bis 12 Uhr soll ich in der Werkstatt Särge vorbereiten und Leute Einsargen. Ich bekomme eine Liste aus der sich ergibt wer welchen Sarg mit welcher Ausstattung bekommt und dazu 4 riesige Plastiktüten voll Kleidung. Alleine habe ich das noch nie gemacht, aber wie schwer kann das sein.

Als ich den ersten Sarg Modell “Palmwedel” mit Papierschnipseln ausgelegt hatte und der Stoff mit samt Kissen und Decke fertig war kommt der DHL-Mann zur Werkstatt Türe rein und drückt mir ein Paket in die Hand “Einmal Express”.

Als ich es öffne finde ich darin die Aschekapsel von Herrn Neumann. Ich gebe Frau Kiesling Bescheid und sie freut sich über die Zustellung und sagt mir dass ich den Mann, bzw. das was von ihm übrig ist, heute Nachmittag auf dem Waldfriedhof beisetzen soll, ohne Pfarrer, ohne alles. Als ich das höre schlägt mir das Herz bis zum Hals. Sie beruhigt mich und erklärt mir, dass bei einer anonymen Beisetzung niemand anwesend sein darf. Es gibt also keine Angehörigen, keine Reden und weil Herr Neumann aus der Kirche ausgetreten war auch keinen Geistlichen.

Halbwegs beruhigt gehe ich zurück in die Werkstatt um die erste Kandidatin zur letzten Ruhe zu betten. Eine Frau Mitte 50, als ich sie aus dem Kühlraum zum Sektionsraum rolle fällt mir etwas auf. Ich sehe die Zettel durch und bemerke ein “OA” darauf. “Offene Aufbahrung” heißt das und das ist so ziemlich das übelste das mir jetzt passieren kann denn ihr Mund steht weit offen und damit habe ich die nächste Premiere – eine Ligatur, alleine in einem kühlen Sektionsraum. Schönen Dank auch Chef.

Bisher habe ich dabei nur zugesehen und mir das Ganze erklären lassen – machen soll ich es wohl trotzdem alleine. Ich kleide den Leichnam um und lege mir Nadel und Faden zurecht. >Wie war das nochmal?< “Man sticht unter der Oberlippe durch bis man in einer Nasenöffnungen raus kommt, direkt daneben wieder nach unten zur anderen Seite der Innenseite der Oberlippe und geht dann an der Unterlippe durch den Kiefer.” So (oder so ähnlich) hat der Chef mir das gezeigt.

“Aber nicht zu nahe zusammen, dann sieht es aus als würde der blöd grinsen und bloß nicht zu weit auseinander, dann kriegen die so Hasenzähne”, super Anleitung.

Zur Sicherheit hole ich mir bevor ich anfange den Personalausweis der Verstorbenen aus dem Büro und lege schließlich los.

Es ist ein komisches Gefühl die Nadel zu führen und Frau Wagners Körper macht wenn ich ihren Kopf zurecht rücke Geräusche als würde sie Würgen. Ich fühle mich als stünde ich neben mir und denke “was zum Teufel tust du da?”.

Schließlich kriege ich das trotz zittriger Hände aber ganz gut hin. Ich bin stolz auf mich, erstaunt und erschrocken zugleich dass ich wirklich mal eben einem Toten Menschen den Mund zunähen kann – ich hoffe nur mich hat niemand beobachtet da ich mich bei der verblichenen Frau Wagner während der Prozedur wohl einige Male entschuldigt habe.

Die anderen drei Kandidaten sind unproblematisch und so gehe ich in die Mittagspause. Hunger habe ich heute allerdings nicht, nicht mal Kraut würde ich runter kriegen und so bleibt es beim in Bayern obligatorischen Mittagsbier.

Zurück in der Firma kriege ich den Auftrag den Waldfriedhof “bis Feierabend” zu reinigen ohne die – durchaus vorhandene – Kehrmaschine zu benutzen versteht sich. Und natürlich Herrn Neumann bei zu setzen. Genaue Anweisungen dazu bekomme ich nicht, nur eine Karte auf der ein Feld für anonyme Gräber auf dem Friedhof eingezeichnet ist “irgendwo da in der Wiese” soll ich ihn vergraben und dann Unterschreiben dass ich das auch getan habe.

Eine Überurne bekommt Herr Neumann bei seiner Beisetzung ebenso wenig wie irgend eine Form von Familiärer Atmosphäre. Ich schnappe mir also den Volvo und fahre zum Friedhof, dort angekommen analysiere ich während einer Zigarettenpause erst einmal die Karte und den Standort des künftigen Grabes.

Schließlich finde ich ein paar Meter neben einer Buche einen Platz der mir persönlich gefallen würde und fange an zu Graben. Nach 10 Minuten stoße ich allerdings auf eine alte Urne. Scheissdreck, ich versuche es zwei Meter weiter noch einmal und nach weiteren 10 Minuten finde ich… noch eine alte Urne. Mist. Bevor ich nun noch weiter Leute ausgrabe erweitere ich den Platz neben der zweiten Urne – “Gertrud” kann ich auf der verwitterten Aschekapsel gerade noch entziffern – so ist Herr Neumann wenigstens nicht alleine und selbst Frauen dürften in dem Zustand niemanden mehr verrückt machen.

Als ich das Gräbchen so weit habe mache ich mir bei einer Zigarette Gedanken über die Beisetzung. Es ist seelenruhig, außer mir ist weit und breit keiner zu sehen.

Schließlich nehme ich doch die Urne und trage sie, langsam aber ohne Glockengeläut zu ihrem kleinen Grab. Niemand weint, niemand singt, niemand betet. Es ist einfach totenstill als ich das schwarze Gefäß langsam in die Erde hinab setze.

Ich würde mir sonst blöd vorkommen, doch in dieser Situation spreche selbst ich ein “Vater unser” und lasse das Grab einen Moment in Ruhe bevor ich es schließe.

Und doch, es bleibt ein Beigeschmack und eine Menge Fragen als ich das Grab schließe.

Trotzdem, ich muss weitermachen. Weil niemand zu sehen ist und ich Schlüssel für die Friedhofs eigenen Garagen habe lasse ich den Kehrbesen stehen und benutze die Aufsitz-Kehrmaschine die dort seit einiger Zeit unbenutzt steht, es scheint niemanden zu stören und nach 30 Minuten Fahren bin ich schon fertig.

Da ich noch eine halbe Stunde Zeit habe und wirklich nicht weiß was ich tun soll wandere ich einmal quer über den Friedhof. Vorbei an alten und neuen Gräbern, hier und da kommt ein Besucher.

Neben dem verwitterten Grab einer jungen Frau lasse ich mich auf einer Bank nieder und frage mich wie viele Menschen dort unten auf der Wiese wohl begraben liegen mögen. Wie viele waren zu Arm für ein “normales” Grab? Wie viele hatten keine Freunde, keine Familie, nichts außer sich selbst? Und was ist mit dieser Gesellschaft los, dass wir unsere Arbeiter – die fleißigsten der Gesellschaft – derart unwürdig begraben?

Als ich den Friedhof verlasse um in den Feierabend zu fahren steht die Sonne tief rot über dem eisernen Tor mit dem großen Kreuz in der Mitte.

Das Chamäleon

Es regnet mal wieder als ich und Hans kurz nach halb neun die Auffahrt des lokalen Krankenhauses verlassen. Den Weg werden wir heute noch 3mal Fahren, zunächst geht’s aber dank Zeitmangel mit samt der Überreste von Frau Kitz zum Stadtfriedhof wo wir eine Urnenbeisetzung für den Nachmittag vorbereiten.

Hastig richten wir die Lied-tafeln in der Kirche zurecht, bauen Blumengestecke, Kerzen und Dekoration auf.

Danach buddeln wir noch kurz das winzige Urnengrab, zu zweit mit Abwechseln schaffen wir die 60 cm in unter 10 Minuten. Während Hans mit der Schubkarre gen Lagerplatz sprintet lege ich eilig noch einige Zweigchen die ich mir von einer Tanne auf dem Friedhofsgelände leihe um das Erdloch.

Zum Umziehen war keine Zeit, also rasen wir verdreckt mit dem alten Volvo zurück zum Institut. Ausladen, Papiere abgeben und direkt wieder zum Krankenhaus. Als wir den letzten Kandidaten “nach hause” gebracht haben ist endlich Mittag und ich erfahre, dass ich heute keine weitere Hilfe bei der Urnenbeisetzung bekomme – das Vertrauen (oder die Verzweiflung) von Herrn Grabowoski ist Grenzenlos.

Pause – Schuhe Putzen, verdreckte Kleidung wechseln und etwas Sauerkraut (man kann wirklich nie genug Kraut essen!).

Zurück im Institut bekomme ich die Ledermappe mit allem was die Hinterbliebenen von Frau Bitterbrecht so bekommen. Da beide Leichenwagen unterwegs sind wickle ich die Aschekapsel dezent in meine Jacke und mache mich in meinem Privatauto auf zum Friedhof – ich hätte zwar das Auto vom Chef bekommen aber der rastet sicher aus wenn sein neuer 7er dabei Kratzer abkriegt.

Angekommen habe ich noch etwa eine Stunde Zeit, ich baue also die Urne in der Kirche auf, lege die Schnur zum Absenken exakt in die Überurne ein und setze mich in den Aufenthaltsraum neben der Leichenhalle am Friedhofseingang. Es ist schön ruhig als ich gedanklich den Ablauf noch einmal durchgehe und auf den Geistlichen warte.

Die Ruhe wird vom lauten Knall der Eingangstür unterbrochen, als ich nachsehe steht da eine zierliche Blondine mitte 30 mit knallroten Augen, schlaksigen Klamotten und einem Rucksack. Den Look mag ich, aber naiv wie ich bin dachte ich dass sie sich nach ‘nem Blunt auf dem Friedhof verlaufen hat und sage ihr höflich dass hier nur Mitarbeiter Zutritt haben.

“Du musst vom Bestattungsinstitut sein, ich bin die Vertretung für den Pfarrer”. Ich starre sie an wie ein Erdmännchen, unfähig zu Blinzeln. Was machen die eigentlich mit der ganzen Kirchensteuer? Koks? Nutten? Beim Personalbüro scheint auf jeden Fall nichts an zu kommen.

Ich begrüße sie und weil sie darum bittet zeige ich ihr den improvisierten Umkleideraum in dem irgend eine Sekte, Jesuiten oder so, hin und wieder Gesangsproben abhalten.

Sie verkrümelt sich darin mit dem Versprechen bald fertig zu sein, das wäre auch besser denn es bleiben nur noch knapp 25 Minuten bis zum Beginn der Trauerfeier und ich habe wirklich keine Idee wie ich das alleine hinkriegen soll.

Als sie nach 10 Minuten noch immer nicht zurück ist und ich Panik bekomme klopfe ich kurz an die Tür und trete etwas über eilig in den Raum – direkt hinter der Tür steht die Vertretung, halb nackt. Sie sieht sie mich fragend an “Ja?” – “Ähm also es ist schon etwas spät… ” ich senke den Kopf und verlasse den Raum diskret Richtung Aufenthaltsraum. Während ich beschämt meine Runden drehe und zwischen Verspätung und einer weiteren Peinlichkeit hadere stellen sich mir einige Fragen: a) War das gerade die selbe Person? b) Warum um Himmels Willen macht man Anzughosen aus so dünnem Stoff? c) Wie soll ich denn in diesem Zustand die Überreste von Frau Bitterbrecht zu grabe tragen?

>Komm schon denk an was anderes… Tot, Verwesung, Kontostand, GEZ-Gebühren<  Gott sei Dank, es funktioniert.

Plötzlich tippt mir von hinten jemand auf die Schulter und ich zucke zusammen “Ist bei dir alles okay?” Juhu, sie ist fertig. Mehr noch: sie sieht jetzt aus wie das Musterbeispiel einer Geistlichen, nur noch dezent geschminkt, im schwarzen Talar, die Sneaker sind auch weg, eine abgegriffene Bibel in der Hand.

Wie machen Frauen das? Könnte ich in ein paar Minuten eine solche Metamorphose durchlaufen wäre ich Bankräuber geworden.

Wir laufen zur Kirche und keine 5 Minuten später sind alle Trauergäste, insgesamt 7, in der Kirche. Die Frau die ich vor ein paar Minuten noch für eine bekiffte BWL-Studentin gehalten habe legt los und hält eine Trauerrede die ihres gleichen sucht. Ich für meinen Teil mache bei meiner ersten “eigenen” Urnenbestattung jede Menge Fehler. Dank meiner bezaubernden göttlichen Aushilfe und einem fast völlig erblindeten Witwer fällt das aber nicht weiter auf. Am Ende bekomme ich sogar 20 Euro Trinkgeld für den miesen Auftritt.

Als die Show vorbei ist und ich mich Umziehe um das kleine Grab zu Schließen und die Blumen auf zu legen geht die Verwandlung wieder los. Ich bin längst fertig und warte kurz um mich zu Verabschieden als das kleine blonde Chamäleon wieder aus seiner Umkleide kommt. Jetzt in Trainingsklamotten mit Pferdeschwanz und bevor ich irgendetwas sagen kann verabschiedet sie sich mit den Worten “Na war doch gar nicht so übel, aber ein bissl Üben musst du noch”.

Während ich das Grab schließe und mich auf den Feierabend freue frage ich mich ob ich sie wieder sehen werde.

©2016 bestatter-blog.com - sponsored by swissagency.net ltd