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Monat: Januar 2017

Der Tod macht heute Kaffeepause

Das könnte man wenigstens vermuten, denn in der Wochenmitte ist so gar nichts los.

Vormittags trifft die letzte Verwandte von Herrn Neumann im Institut ein, es ist seine Enkelin.

Eine Junge Frau Mitte 20 die mit einem alten Fiat Panda vor fährt dessen Motor gerade auch seine letzten Atemzüge durch hustet. Von Frau Kiesling erfahre ich später, dass sie als Zeitarbeiterin bei einem namhaften deutschen Automobilhersteller arbeitet und das Geld gerade so zum Überleben reicht.

Sie ist damit eine von vielen die schlicht kein Geld für Beerdigungen haben und man kann ihr Ansehen, dass sie mit ihrer Entscheidung für eine anonyme Urnenbestattung selbst nicht zufrieden ist. Leider ist das die billigste Lösung.

Ich fahre bei 0 Grad und Schneefall los um Urkunden und die Unbedenklichkeitsbescheinigungen zu holen, Hans sargt Herrn Neumann derweil im billigsten Modell inklusive Papierdecke ein. Die Kleidung die er bei der Abholung an hatte wird er mangels Geld auch im Hochofen an behalten, wenigstens bis sie in Flammen aufgeht.

Als ich zurück komme steht bereits der Transporter vom Abholservice des Krematoriums in der Einfahrt. Ein faszinierendes Fahrzeug, von außen ein 100% original gehaltener weißer Iveco Daily, öffnet man die hinteren Türen sind dort Schienen und Halterungen für 6 Särge eingebaut. Mit “unseren” 3 neuen Särgen ist der Wagen voll beladen.

Da alles geputzt und geölt ist und auch sonst nichts ansteht endet mein Arbeitstag heute bereits um kurz nach 12 Uhr.

 

Alt, Arm und Reich – Teil 2

[…] als wir wieder im Volvo sitzen starte ich kopfschüttelnd den Motor.

Der sonst so stille Hans fängt an zu Reden (!), er erzählt mir dass auch er das traurig findet, dass er schon schlimmere Einrichtungen gesehen hat und er sich fragt ob Herr Neumann wohl so endet wie den anderen die schon seit Jahren in der Sakristei der Stadtkirche herumstehen.

Moment mal… in der Sakristei stehen seit Jahren Leichen? Ich muss Nachfragen. “Nein, keine Leichen. Nur Urnen bei denen niemand die Bestattungskosten übernehmen will. Die stehen da schon 2-3 Jahre im Schrank rum – wenigstens sind sie nicht alleine”, als er das sagt sieht er wortlos aus dem Fenster und bleibt so bis wir wieder in der Firma angekommen sind.

Feierabend und ich frage mich ob er das wirklich ernst meint. Bei Gelegenheit muss ich unbedingt in diesen Schrank sehen.

[…]

Am Dienstag Morgen ist nicht viel zu tun, bis Mittag putzen wir die Geräte und bereiten eine Trauerfeier in der Stadtkirche vor.

Als keiner zusieht untersuche ich besagten Schrank. Ich hatte fast alle Fächer durch und keine Urnen gefunden als Hans den Raum betritt. Er scheint instinktiv zu wissen was ich suche: “Du glaubst mir nicht, oder? Schliess mal das da auf..”, er deutet auf ein Fach in der rechten unteren Ecke.

Im Fach stehen tatsächlich ein, zwei, drei… vier verstaubte Aschekapseln. Alle verstorben und eingeäschert im Zeitraum von 2009 bis 2012.

Auf meine Frage wann die denn begraben werden, weiß auch Hans keine genaue Antwort “Irgendwann, wenn Stadt oder Angehörige sich dazu bereit erklären das zu bezahlen”.

In Gedanken bin ich zwischen “furchtbar” und “Na gut, woanders stellt man sie auf den Kamin” hin und her gerissen. Sei’s drum, es ist Mittagspause und weder die Gedanken noch die Typen im Schrank werden weglaufen.

(… Pause …)

Nach der Pause sollten wir eigentlich die vorbereitete Trauerfeier begleiten, der Tod hatte aber wohl andere Pläne. Der Chef übernimmt die Trauerfeier und wir dürfen zur Pathologie und anschließend zum BRK-Altenheim. Schon wieder.

Diesmal kriegen wir aber den Benz. Weil, Zitat: “wir da nicht mit der Schrottkarre vorfahren können”. Hö? Hab ich was verpasst? Als ob die das interessiert?

In der Pathologie angekommen ist alles gut. Dort kostet das Umkleiden inkl. Einsargen €30 und man kann zusehen wie die Jungs am “Drive In” Ihren Job machen ohne selbst einen Finger zu rühren. Subjektiv brauchen sie dafür unter 2 Minuten und ein paar mehr oder weniger makabere Witze, eine Unterschrift und man kann inkl. Herrn Dungel wieder Fahren. Top Service!

Auf dem langen Weg zum Altenheim bereite ich mich gedanklich auf das schlimmste vor. Doch als ich am Gebäude anhalten will meint Navi-Hans “Nicht hier, da vorne rechts, dann noch 150 Meter. Da ist noch ein Heim”. Ach du Scheisse, die Schlampe Todesschwester(TM) hat einen bösen Zwilling?

Als wir im Foyer stehen komme ich mir vor wie im falschen Film. Das Gebäude gehört der selben Organisation und liegt nur 200 Meter weiter. Es ist blitzsauber, frische Blumen stehen herum, die Mitarbeiter sind freundlich und tun so als wären sie durch das Ableben von Herrn Wolf schwer betroffen. Auf Nachfrage erfahren wir dass er wohl in Gebäude C liegt, in seinem Bett im Appartement (!) 207 – wir bekommen den Schlüssel, alle nötigen Papiere und eine Rufnummer falls wir die 207 nicht finden.

Dank Lageplan brauchen wir nicht lange um Gebäude C zu finden, davor haben sich einige Besucher versammelt. Naiv wie ich bin dachte ich die wollen ihren Kumpel verabschieden – Fehlanzeige: sie stehen rum, Rauchen, trinken Bier und haben Spaß. Die Szene könnte gut und gerne auch bei “Old ass bastards” gesendet werden.

Im dritten Stock des Gebäudes werden wir fündig, Appartement war nicht gelogen hier sieht es aus wie im Studentenwohnheim. Kochnische mit reichlich Spirituose im Regal, Flachbildfernseher, kleines Badezimmer und in einem Krankenhausbett im Schlafzimmer findet sich auch Herr Wolf dessen Atemluftgerät noch munter vor sich hin pumpt. Ich nehme eine Flasche Vodka aus dem Regal und sehe Hans fragend an, “Tja. Unternehmer, Beamte, Piloten. Was besseres eben. Aber davon hat er jetzt auch nix mehr” er nimmt 2 Schnapsgläser aus dem Regal und meint “darauf trinken wir”, mit Blick auf Herrn Wolf “Stört Sie’s wenn wir uns Bedienen?”.

Gesagt getan, wir kippen zügig 3 Kurze und bereiten diskret die sterblichen Überreste von Herrn Wolf für den Transport vor. Dann verfrachten wir unseren Gastgeber in den Kühlraum im Institut. Da liegt er nun, genau neben Herrn Neumann und 3 anderen.

Der Chef ist noch unterwegs und so verabschieden wir uns in den Feierabend. Wie es mit den beiden weitergehen wird, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Alt, Arm und Reich – Teil 1

Es ist mein fünfter Arbeitstag im Institut und es ist kalt. So richtig kalt.

Bei -12 Grad (ja, Celsius) komme ich mir, als ich mit Hans morgens am Zentralfriedhof ein Grab aushebe, vor wie einer der grusligen Totengräber aus Transsilvanien die in irgendwelchen alten Trashfilmen zu sehen sind.

Arbeitshandschuhe habe ich zwar bekommen, die helfen aber bei diesen Temperaturen absolut nichts. Die mechanischen Metallstreben für die Schalung im Grab sind einfach nur eiskalt und das Herumtragen der benötigten Schalungen ist bei dieser Kälte extrem anstrengend.

Nach nicht ganz 3 Stunden haben wir es geschafft und eine schöne eiskalte letzte Ruhestätte geschaffen. Vertieft, das heißt 1,80 Meter tief und dank Sandboden 3-fach ausgeschalt. Danach Leeren wir noch die Mülltonnen des lokalen Friedhofs und verabschieden uns in die Mittagspause.

 

Nach 4 Bratwürsten mit einer ordentlichen Portion Sauerkraut (bei der Kälte kann man(n) nie genug Sauerkraut essen) geht’s wieder zurück an die Arbeit. Noch als wir die alte Meierhöfer Einsargen erhalten wir einen neuen Auftrag: “zieht euch mal um, ihr müsst noch jemanden aus dem BRK Altenheim abholen. Die Beerdigung von der da übernehme ich.”

Wir nicken uns zu und gehen in die Umkleide, aber insgeheim frage ich mich was am BRK Altenheim so schlimm sein soll dass nicht mal der Chef dort hin will.

Da ich den Umgang mit dem Leichenwagen üben soll schwinge ich mich gekonnt ins Cockpit des alten Volvo – in Gedanken bin ich noch ganz bei der alten Meierhöfer deren letzter Akt wohl ein Sturz war. Direkt mit der Stirn auf die Granitfliesen ihrer Eingangstreppe. Schädelbruch und nicht unbedingt ein schöner Anblick.

Hans schreckt mich mit einem mürrischen “willst du nicht mal losfahren?” aus meinen Gedanken. Als wir so durch die Innenstadt Cruisen spielt der Wortkarge Hans das Navi: “hier links, die nächste rechts dann sind wir fast da”. Ich finde das macht er super. Mein privates Navi hätte das jetzt nicht besser gekonnt. Allerdings hätte sich meines auch nicht über musikalische Begleitung beschwert.

Als ich den Wagen, mehr oder weniger, gekonnt in die Todesgasse (besser bekannt als Lieferanteneingang) des Altenheims steuere kommt mir schon der Müll komisch vor der dort herumliegt. Hans weiß genau wohin es geht und öffnet die erste Tür, ein modrig beißender Geruch weht mir entgegen und ich beginne zu Ahnen was nun kommt. Links, rechts, links und in den Fahrstuhl, “wir müssen in den dritten Stock”, meint Hans.

Immer noch in Gedanken an irgendetwas anderes weckt mich das *ping* des Fahrstuhls wieder auf. Direkt vor der Tür steht auch schon eine “Krankenschwester”, sie begrüßt uns nicht und stellt keine Fragen, sie deutet nur den Gang runter “da lang”.

Wie einer dieser weiblichen Feldwebel bei der Bundeswehr marschiert die Schwester mit ihren gut 50 Jahren den Gang runter, “da drin!” murrt sie.

Als wir das Zimmer betreten stockt mir kurz der Atem – da liegen 5 alte Menschen, mehr tot als lebendig, zwischen Ihnen liegt der Leichnam eines alten Mannes. Der Mund steht weit offen, er ist nicht abgedeckt, er wurde nicht rausgefahren und wenigstens 3 der Insassen dürften einen ganz guten Blick auf ihn haben. So liegt er nun seit deren Anruf von gestern Abend da und neben ihm steht einsam eine längst erloschene Kerze.

In diesem Moment sehe ich Hans tief in die Augen, seine Mimik verrät mir “ich weiß, es ist traurig, aber es ist nun mal so”. Wortlos “verpacken” wir den verblichenen Herrn Neumann in unserer Trage und begeben uns langsam aus dem Zimmer, die Feldwebel-Todesschwester immer einen Schritt voraus.

Als ich das Zimmer verlasse und die Türe hinter mir schließe sehe ich in die Augen der alten Dame die genau gegenüber von Herrn Neumann’s Bett liegt – sie weint….

 

 

Fortsetzung folgt im nächsten Beitrag.

Ein frohes und gesundes neues 2017

Der Rauschzustand der Silvesternacht ist langsam abgeklungen, deshalb wünsche ich allen Lesern, nachträglich, ein frohes und natürlich gesundes neues Jahr.

Dass die gesellschaftlichen Konventionen es verbieten damit so spät an zu kommen weiß ich natürlich – ist mir aber völlig egal.

 

In Sachen Blog gibt es übrigens gute (?) Nachrichten. Da sich ein Sponsor für Webspace und Domain gefunden hat geht’s hier nämlich bald weiter.

 

Warum? Hauptsächlich dank Petra vom Totenhemd-Blog die so nett war mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich es tatsächlich ohne ein Verbrechen zu begehen in die Bild geschafft habe.

Nun hat der Bild Praktikant Redakteur sich aber offenbar nicht einmal die Mühe gemacht den Kram hier zu Lesen, deshalb wurde bestatter-blog.com auf meinen Wunsch aus deren Beitrag entfernt.

Einerseits hat mich das irgendwie gefreut, andererseits bin ich jetzt motiviert bei einer richtigen anderen Zeitung Erwähnung zu finden. Die FAZ wäre super, aber zur Not tut’s auch die Süddeutsche. 😛

 

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